Spielsystem Daddel oder die Generation Borg

Der Soziologe Klaus Theweleit entdeckt das Digitale im Fussball

von Jürgen Wutschke

Cover Klaus Theweleit - Tor zur Welt
VÖ:Köln, 2004

Wie gewinnt man ein Fußballspiel? Der Freiburger Soziologe widmet sich in seinem neusten Buch dieser fast schon zum Kanon der Moderne gehörenden Frage. Und er löst sie erwartungsgemäß nicht auf. Denn gerade beim Fußball ist das Restrisiko nicht nur besonders groß, sondern eben fester Bestandteil des Spiels. Und so lässt der Autor die Fußballgötter auch auf ihrem Olymp und versucht nicht, sie ins Irdische zu ziehen. Denn trotz ihres nicht immer gerechten Eingriffs ins Geschehen bleibt auf dem Platz genug Spielraum für Experimente, denen ein kritischer Blick durchaus zu widmen ist.

Theweleits Buch lässt sich ganz gut in drei Abschnitte unterteilen, wobei diese aber nicht immer klar voneinander getrennt sind. Grundgerüst der Arbeit ist die vergnügliche, mit reichlich Anekdoten gewürzte Offenlegung des aktiven und passiven Fußballerlebens des Autors. Es ist vermeintliche Versöhnung des Intellektuellen mit dem als proletarisch verschrieenen Fußballs und damit Voraussetzung für die folgende Diskussion des Spiels innerhalb eines kultur-ästhetischen Diskurses.

In der Rahmenerzählung verbindet Theweleit mehr oder minder chronologisch seine Individualisierung mit der parallel stattfindenden Genese eines Fußballanhängers. Über die Radioberichterstattung, das Auswürfeln Deutscher Meisterschaften am Hausaufgabentisch und das eigene Spiel mitsamt schmissiger Verletzung schält sich der Fan aus dem pubertierenden Jüngling. Und das Fansein wird um eine analytische Komponente während der intellektuellen Werdung erweitern.

Der Autor der Männerphantasien - und damit eröffnet sich die zentrale These des Buches - sucht nach einer Verzahnung unterschiedlicher Spielsysteme und gesellschaftlicher Phänomene und diskutiert die Möglichkeit ihrer wechselseitigen Beeinflussung. So ist für ihn nach der Cruyffschen Viererkette die Digitalisierung des Spiels die nächste Revolution auf dem Platz.

Der Generation Daddel, die in ihrer Freizeit Fußball auf der Playstation spielt, wobei es der Leverkusener Bernd Schneider, anders als mit seinem Verein, zu wahrer Meisterleistung gebracht haben soll, obliegt es, die digital erprobten Spielzüge in die analoge Welt der Stadien zu transferieren. Zinedine Zidane, Luis Figo, Michael Ballack und als einer der ersten Kaiser Franz Beckenbauer haben den strategischen Feldherrenhügel eines Günther Netzers verlassen und sich wie Borgs ins Kollektiv gestellt. Fraglos agieren sie dort als primus inter pares, doch es dominiert zunehmend nicht mehr der gemeißelte 60-Meter-Pass aus dem Stand, sondern das nach Möglichkeit blinde Kurzpasspiel. Dazu ist eben anderes strategisches Denken erforderlich als bislang. Der ballführende Spieler denkt innerhalb einer im Idealfall vernetzten Struktur aller Akteure, die - Idealfall 2 - voraussehbar agieren, um Räume innerhalb des durch die Vierer-Kette künstlich reduzierten Spielfeldes zu schaffen.

Weitergedacht verlangt das, dass die Mannschaft, die ein Spiel innerhalb solcher Systeme gewinnen will, ihr eigenes vernetztes System über des Feld legen muss, ohne dabei ein deckungsgleiches Netz wie das verteidigende System zu erzeugen. In diesem Falle entstünden nämlich kongruente Muster, die sich gegenseitig lahm legten. Folge wäre ein Unentschieden, im besten Falles ein solches, bei dem die angreifende Mannschaft, wegen der Preisgabe des Mittelfeldes durch die Verteidiger zwar hübsch kombiniert, sich dann aber konsequent im um den Strafraum gezogenen Netz verfängt.

Leider versäumt es Theweleit, seinen interessanten Gedanken der Digitalisierung zu Ende zu denken und beispielsweise die Möglichkeit mehrer Netze innerhalb eines Systems zu betrachten. Was geschähe, wenn digitale Netze unverhofft autonom agieren? Was, wenn die Borg separieren? Frankreich und Holland sind solche Beispiel der diesjährigen EM. Und sind alle gesellschaftlichen Systeme zu dieser Digitalisierung willens oder gar fähig? Dieser gefährlichen, kultur-anthropologischen Frage entzieht sich der Autor und eröffnet raffiniert nur eine westeuropäische Systemanalyse.

Im dritten Teil huldigt der Autor nach soviel intellektuellen Hochseiltänzen dem Profanen des Spiels. Neben den gängigen Kommentatorenpärchen bekommen auch nationale Spielsystem und Einzelentscheidungen ihr Fett weg. Wohltuend entspannend wirkt dabei am Ende des Buches Theweleits Versuch, an ausgewählten Spielsituationen aus vermeintlich nichtigen Vorgängen elementare Folgen herzuleiten. So verlor Deutschland die WM 2002 angeblich wegen eines Stellungsfehlers des umsichtig agierenden Referees Collina, England schied wegen befürchteter Fußschmerzen des Spiceboys aus und Italien wegen einer verunglückten Flanke des angreifenden(!) Tottis in die Arme des südkoreanische Schlussmanns.

Dass hierbei der Weg zur Verschwörungstheorie nicht mehr weit, wenn nicht sogar schon beschritten wird und in völlig irrealen Situationen sogar der Fußballgott herhalten muss, macht Theweleits Exkurs gleich noch einmal so angenehm zu lesen. Denn bei aller intellektueller Durchdringung des Spiels bleibt doch ein gewisser nicht unerheblicher Rest, der Proletariat und Akademie auf ewig beim Bier herrlich streiten lassen wird. Denn wäre alles durch Nullen und Einsen innerhalb digitaler Raster erklärbar, hätte Griechenland mit seinem vermeintlich antiquierten System einer Dreierkette samt Libero niemals ins Halbfinale vorstoßen dürfen.

Heil und Unheil der Modernisierung liegen mitunter gefährlich nah beieinander. Die neusten Computerviren beispielsweise geben sich mit älteren Systemen erst gar nicht ab, was diese unverhofft resistent oder eben auch solide macht. Manche Systeme laufen mit Windows 95 eben einfach stabiler.