von Klaus Esterluß

Cover Nicolai Dunger: Here's my song, you can have it... I don't want it anymore / Yours 4-ever
Label:Virgin
VÖ:29. März 2004

Nicolai Dunger ist ein vielbeschäftigter Mann. Neun Alben hat er aufgenommen in den letzten neun Jahren. Allein 2001 erschienen drei komplette Alben. 2002 sieht es ähnlich aus. Damit fällt der umtriebige Schwede in die Kategorie Ryan Adams, der im vergangenen Jahr vier Platten auf den Markt geworfen hat. Workaholic nennt man das wohl. Wirklich Ausschuss war wohl keine der Aufnahmen. Dunger war für den schwedischen Grammy nominiert (für Soul Rush, 2001) und tourte unter anderem mit den außergewöhnlichen Calexico durch die USA (2003).

Das Album beginnt mit den bedeutungsschwangeren Worten: You won my heart, you sung me songs. You wandered with me far and deep in sin. Ruled by words and ruled by demons, ruled by all the dreams that keep us sane. Oh ja, bitte! Ein großer Einstieg zu einem außergewöhnlichen Album. Dessen Titel Here's My Song, You Can Have It... I Don't Want It Anymore / Yours 4-Ever einerseits seltsam anmutet, andererseits glaubhaft ist. Was sonst soll man sagen, wenn das Album fertig eingespielt ist, man nichts daran auszusetzen und den Zyklus des Entstehens beendet hat? You Can Have It... Gern. Vielen Dank. Auf der letzten Seite des schön fotografierten Booklets schreibt Dunger I Want To Thank You Mother For All The Love You Have Given Me, I Am Yours 4-Ever. Hier schließt sich der Kreis. Völlig gleichgültig, wer mit Mother gemeint ist.

Nicolai Dunger hat viel mit Will Oldham gemeinsam, den er häufiger traf und mit dem er ein Album eingespielt hat: Tranquil Isolation. Das war 2002. Ein rustikales, harmonisches Album.

Jener Oldham selbst hat unter dem Namen Bonnie Prince Billy dieser Tage ein Album veröffentlicht (Greatest Palast Music). Ein Wunderwerk eines seltsamen, entrückten Menschen. Kreativ und beachtlich. Nicolai Dunger geht vergleichbare Wege. Here's My Song... ist mitnichten harmonisch und aus einem Guss. Es jammert und, man verzeihe dieses inflationär gebrauchte Wort: rockt mancherorts. Hunger, das zweite Stück ist exemplarisch dafür. 'Cause I'm Hungry For Life..., singt Dunger und reißt den Hörer mit sich. Wer hungert nicht nach Leben?

Einfach und beschwingt zu verdauen ist die Platte trotzdem nicht. Wenn die Stimmung die falsche ist, liegt Here's My Song... quer im Gehörgang. Das ist gut so.

Dunger gelingt es, dem Hörer Aufmerksamkeit abzunötigen. In jeder positiven Hinsicht. Höre dieses Album, sagt das Gefühl, lass es nicht dahinplätschern. Das ist keine aussagelose schunkelnde Spaßmusik. Folkige (Tell Me), swingende Passagen, Country-Anleihen (Ja, auch das!) bei Slaves geben sich die Klinke in die Hand und brechen mit der seichten Radio-Hörästhetik, der man sonst zwanghaft ausgeliefert ist. Someone New beginnt mit einer Pianopassage und mündet in einer sanften Ballade. Hätte auch Nick Cave gut zu Gesicht gestanden. Damals, zu Zeiten der Murder Ballads.

Wenn die Plattenfirma von erzählten Geschichten voller Liebe, Schmerz, Freude und Melancholie spricht, übertreibt sie nicht. Manchmal bricht Jeff Buckley durch, manchmal dessen Vater Tim (Tell Me). Wenn Dungers Stimme filigran und zerbrechlich wird.

Der Rolling Stone spricht von kunstvollem Schönklang und trifft den Nagel besser auf den Kopf, als der Autor vermutlich glaubte.

Das Nicolai Dunger mit Grasshopper und Jeff Mercel von Mercury Rev zusammen arbeitete, um dieses Album auf die Beine zu stellen, spricht für ihn. Auch dass er, entgegen seiner Gewohnheit, viel Zeit hat ins Land streichen lassen. Immerhin fast zwei Jahre seit der letzten Veröffentlichung. Der Einfluss der Mercury Rev Aktiven ist weniger deutlich als vermutet. Country Lane bedient sich bei deren Instrumentierung. Ohne zu verkünstelt zu wirken. Das hatte man Mercury Rev bei ihrem letzten Album All Is Dream (2001) noch vorwerfen können. Es bleibt schlichte Harmonie.

Herzstück von Here's My Song... ist das achteinhalb Minuten lange The Year Of Love And Hurt Cycle, das ein Jahr verstreichen lässt von Dezember bis November und die Monate als das beschreibt was sie sind. Zwischen sanfter Depression der dunklen Tage bis zum Neubeginn im sinnlich verschrobenen Sommer: June: Now We Lay In The Field On The Meadow We Dream At The Feet Of The Summer. Soulful Choruses Sweep At The Top Of The Trees Carrying All Of Our Love. Dieser Song ist Jeff Buckley mit einer Whiskey-Stimme (in Phasen) und einem schluchzenden Timbre wenn es passt.

Und dann, irgendwann kurz danach, ist es vorbei. I'm Falling Out. Can't You See My Face, I Am Brutally Changed. All I See Today Is That I'm Falling Short. I'm Gonna Dress So Fine, Gonna Drink Some Wine. All To Stop This Falling Out. Der Song, der Abschluss der Platte, heißt ebenso.

Here's My Song, You Can Have It... I Don't Need It Anymore / Yours 4-Ever ist eine sensible, warme Platte. Nicht weniger, viel mehr. Man verändert sich mit dem Album, wie sich ein Jahr über die Monate verändert. Man ist genötigt, wie Nicolai Dunger im Booklet, eine Zigarette zu entzünden und entkorkt passend eine Flasche Wein wenn es dämmert. Man muss sich darauf einlassen können. Warum nur kommt jetzt dieser unsägliche Frühling, warum ist nicht Herbst?

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