Gott spielt den Teufel

Eric Clapton verbeugt sich vor Robert Johnson

von Jürgen Wutschke

Cover Eric Clapton - Me and Mr. Johnson
Label:Reprise (Warner Music)
VÖ:22. März 2004

Vermutlich war es warm und schwül an jenem Abend im August 1938. Robert Johnson spielte zusammen mit Sonny Boy Williamson in einer Kneipe irgendwo in Missouri, tief im Süden der Staaten. Neben ihm auf dem Tisch stand ein Krug mit Whiskey. Johnson trank den Abend über fleißig. Er spielte, bis er vom Stuhl fiel. Ein gehörnter Ehemann hatte dem Getränk Gift zugesetzt. Johnson erholte sich nur mühsam und verstarb wenig später geschwächt an den Folgen einer Lungenentzündung.

In seinen 27 Lebensjahren schrieb der Gitarrist, der als Mundharmonikaspieler begonnen hatte, 47 Stücke. Zudem spielte er einen bis dahin einmaligen Gitarrenstil, dessen Sound bis heute kaum kopiert werden konnte. Sein legendäres Spiel verdankt er - so erzählt man sich - einer einzigartigen Begegnung.

Eines Nachts, so will es die Legende, sprach den jungen schwarzen Mann ein Unbekannter an einer dunklen gottverlassenen Kreuzung an. Er versprach ihm die Gabe eines unnachahmlichen Gitarrenstils. Johnson sagte zu und versprach, auch seinen Teil der Abmachung einzuhalten. Darauf ward ihm durch den Fremden die Gitarre gestimmt. Und auch Johnson hielt sein Versprechen. Man schied in tiefer Zufriedenheit. Der Junge aus dem amerikanischen Süden spielte von da an unnachahmlich sein Instrument. Und der Teufel hatte seine Seele.

Diese Episode gehört mittlerweile zum Allgemeingut der Blueskultur. Die Coen-Brüder haben sie in Oh brother, where are thou? verfilmt, Johnson selbst erzählt sie in Me an the devil blues.

Gute 30 Jahre später kann man an einer Londoner Hauswand lesen, Clapton is god. Das Böse, dass sich einst des schwarzen Südstaatler bemächtigt hatte, bekommt ein Gegenüber. Die Hippies schicken den Gitarristen der Yardbirds ins Rennen, der gerade dabei war, mit Cream Musikgeschichte zu schreiben.

Doch ihm ist die Ehre unangenehm. Ihn fasziniert vielmehr das Dunkle, das Traurige, das Erdige in der Musik. Ihn fasziniert Johnson. Seit Clapton eine Gitarre halten kann, sind vielmehr jene, die im August 1938 zusammen spielten, seine Vorbilder. Clapton wird in den kommenden Jahren das Instrumentenspiel nicht neu erfinden und aus eigener Feder nur eine Handvoll Songs hinterlassen, deren zu erinnern es sich lohnt. Doch wird er zweifelsohne einer der ganz großen Bluesinterpreten.

Mit überwiegend kommerziellen Aspekten verschriebenen und deshalb meist grottenschlechten Alben verschwendet er einen zu großen Teil seines Talents. Zwar konzentriert er sich live nach wie vor auf Bluesnummern, doch aus dem Studio kommt überwiegend Zweitklassiges. Doch dann kommt Clapton mit einem sensationellen Unplugged-Konzert Anfang der 90er zurück.

Von da an geht es langsam aufwärts. Zwar veröffentlicht der Brite noch immer durchschnittliche Alben, kehrt aber zunehmend zu seinen musikalischen Wurzeln zurück. Mit From the cradle bringt er Mitte der 90er Jahre eines der stärksten und kraftvollsten Bluesalben mit Neuinterpretationen etlicher Standards heraus. Ähnlich verhält es sich mit dem kurz vor der Jahrtausendwende veröffentlichten Album Riding with the king, auf dem Clapton zusammen mit B.B. King agiert. Und nun folgt endlich in logischer Konsequenz das Tributalbum an den früh verstorbenen Robert Johnson, das sich seit ein paar Jahren angekündigt hat. Spätestens mit der comicstripartigen Referenz an jene nächtliche Begegnung auf dem Cover des letzten Live-Albums war der Weg vorgezeichnet.

Schon das von Peter Blake gezeichnete Cover des Albums ist eines der besten in seiner langer Karriere. Im Anzug sitzt Clapton mit seiner Blackie auf dem Schoß neben einem Tisch, auf dem ein Portrait des Verehrten steht. Es ist eines der beiden einzigen Bilder, die es von Johnson gibt. Das zweite hängt als Gemälde hinter Clapton an der Wand. Tiefer hätte man sich nicht verneigen können.

Clapton hat aus der Hinterlassenschaft des Bluesveteranen 14 Songs ausgesucht und neu eingespielt. Dabei bewegt er sich stilsicher zwischen puristischer Interpretationen, minimal instrumentiert, ohne jedoch sklavisch an den Noten des Vorbilds fest zu halten. Clapton nimmt sich im eigenen Spiel ungewohnt zurück und ist bemüht, einen Bandsound zu entwickeln. Dabei hat er mit Jerry Portnoy und Jim Keltner für Travelling riverside blues auf gestandene Musiker des Cradle-Albums zurückgegriffenen. Ansonsten vertraut er seinem Stammpersonal und nimmt mit dem jungen Doyle Bramhall II nur einen neues Mitglied auf, das dann auf der folgenden Tour den angestammten Andy Fairweather Low an der zweiten Gitarre ersetzen wird.

Neben den kraftvollen Slownummern stehen kontrastiv ragtimeinspirierte Arrangements wie in They're red hot oder Last fair deal down. Insgesamt legt Clapton ein abwechslungsreiches Bluesalbum vor, das aber nur eingeschränkt Neues offenbart, auf dem der Brite aber erfrischend solide und ungemein spielfreudig daherkommt. Und es zeigt einmal mehr, dass Clapton hierbei in seinem Metier ist, in dem er sich nicht nur kreativ, sondern auch sicher zu bewegen weiß.

Nach der nun folgenden Europatournee mit fünf Stationen in Westdeutschland ist für den Herbst bereits ein neues Studioalbum angekündigt. Und da gilt es leider vorsichtig zu sein.