Deutsche Zukunft aus dem Osten?

Ein neuer Sammelband plädiert dafür, ostdeutsche Erfahrungen bei der Zukunftsgestaltung der Bundesrepublik zu nutzen

von Bert Große

Cover Tanja Busse/Tobias Dürr (Hg.) - Das neue Deutschland Die Zukunft als Chance
Verlag:aufbau Verlag
VÖ:Berlin 2003
ISBN:3-351-02553-X

Deutschland verändert sich auf mehreren Ebenen. Während die Reformdebatte der letzten Monate stark von inneren Entwicklungen wie Demographie, Renten oder Sozialstaat geprägt war und vor den äußeren Entwicklungen von Europäisierung oder Globalisierung verlief, hat die innerdeutsche Debatte seit der Bundestagswahl an Bedeutung verloren.

Dabei begreifen die Herausgeber Tanja Busse und Tobias Dürr des Sammelbandes Das neue Deutschland, Zukunft als Chance besonders die ostdeutsche Geschichte nach der Einheit als mögliche Folie für die gesamtdeutsche Zukunft. Die Erfahrungen eines nahezu vollständigen Umbruchs können die Basis für die anstehenden unabwendbaren Wandlungen der Bundesrepublik sein, deren Erfolgsgeschichte als wohlgeordnetes Gemeinwesen Bundesrepublik West an ihr Ende gekommen ist, wie Busse/Dürr schreiben.

Der Band versammelt insgesamt 20 meist kürzere Aufsätze von Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern. Das Themenfeld ist dabei ebenso breit wie unkonventionell aufgefasst. Anspruch des Buches ist nicht, fertige Lösungsansätze anzubieten, sondern in der Debatte um die Zukunft der Bundesrepublik neue Perspektiven anzubieten

Von Schrumpfdörfern und Clusterbildung

Die Schattenseiten der Einheit sind auch im vierzehnten Jahr deutsch-deutschen Zusammenlebens nicht übersehbar. Tanja Busse zeigt die Auswirkungen von Landflucht, Abwanderung der Jungen und Zusammenbruch der ostdeutschen (Land-)Wirtschaft am Beispiel des mecklenburgischen Dorfes Mestlin, ehemals ein sozialistisches Vorzeigeobjekt. 25 Prozent Arbeitslosigkeit, 60 Prozent Bevölkerungsflucht und fortschreitende Vergreisung. Zukunftsaussichten - düster.

Franz Walter und Michael Schlieben dokumentieren an der sächsischen Kleinstadt Freital, wie restlos verschwunden die einstmals tief verwurzelten Milieus im Osten heute sind. 1921 als gesellschaftliches Experiment und sozialdemokratische Musterkommune gegründet, haben 40 Jahre real existierender Sozialismus, ökonomischer Zusammenbruch und Entwicklung zum Negativbeispiel der blühenden Landschaften jeden Rest eines starken sozialdemokratischen Milieus pulverisiert.

Gegenbeispiel einer gelungenen Entwicklung ist die Stadt Leipzig, die, wie Wolfgang Schröder zeigt, dank erfolgreicher Ansiedlungspolitik (Porsche, BMW), Infrastrukturkonzept und kulturellem Anspruch zu einem echten Wirtschaftsstandort geworden ist. Zentraler Ansatz in der Wirtschaftsförderung könnte dabei die Clusterbildung erfolgversprechender Technologien anstelle der Gießkannenförderung sein. Nur in der Entwicklung hochwertiger und nachhaltiger Produkte kann es dem Osten gelingen, im Wettbewerb gegen den innovativen Westen und die Niedriglohnländer im Osten Europas zu bestehen.

Geschleifte Milieus

Beliebter Erklärungsansatz für die Wurzellosigkeit der Ostdeutschen sind die gering entwickelten Milieustrukturen östlich der Elbe. Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen verfügen über weitaus geringere Mitgliederzahlen und Apparate als ihre westdeutschen Pendants. Klaus Ness, Landesgeschäftsführer der brandenburgischen SPD kontert die Kritik an den mangelnden Integrationsleistungen der ostdeutschen Parteien. Am Beispiel der SPD macht er deutlich, dass die Parteien auch bei weitaus geringeren Mitgliederzahlen Erfolg haben können, wenn sie sinnstiftende Angebote und Problemlösungen anbieten.

Fehlende Wurzeln als Chance?

Für Rüdiger Soldt sind die jungen, gutausgebildeten Ostdeutschen die wahren Wendegewinner. Meist in jungen Jahren in die westdeutschen Länder übersiedelt, haben sie Nostalgie und trügerische Hoffnungen hinter sich gelassen und ihr Glück in die eigene Hand genommen. Beruflich erfolgreich sind sie - bei entsprechenden Angeboten - durchaus bereit, in die alte Heimat zurückzukehren. Jedoch fehlen ihnen die tiefen Bindungen der Elterngeneration.

Matthias Platzeck plädiert dafür, die Erfahrungen der Ostdeutschen in der Bewältigung massiver Umbrüche bei der Gestaltung der zukünftigen Wandlungen der deutschen Gesellschaft verstärkt zu nutzen. Im Unterschied zu den - immer noch verhältnismäßig behaglich eingerichteten - westdeutschen Strukturen, kann man im Osten auf die Erfahrungen von zwei Staaten und einer erfolgreichen Systemtransformation verweisen.

In seiner Vielfalt sind Stärke und Schwäche des Buches vereint. Thematisch breit, interessant und bisweilen sogar kurzweilig lesen sich die Beiträge. An einem roten Faden jenseits der Erkenntnis, den Osten beim Nachdenken über Deutschlands Zukunft mehr einzubeziehen, mangelt es jedoch. Da diese Leistung jedoch der Fähigkeit gleich käme, in die Zukunft zu blicken, erfüllt das Buch den selbst gestellten Anspruch. Es ist ein lohnender Diskussionsbeitrag in einer eben erst begonnenen Debatte.