Von Buk und Henry C.

Ein (persönlicher) Nachruf zum zehnten Todestag Charles Bukowskis

von Klaus Esterluß

Als meine Mutter, eine Lehrerin, irgendwann im Sommer 1991 ein Paket von unserem Postboten entgegen nahm, hatte ich meine erste Begegnung mit Charles Bukowski. Ich war dreizehn Jahre alt und literarisch - bis auf einige Abenteuer-Romane vom Schlage Schatzinsel und Schatz im Silbersee - relativ unbeleckt. Natürlich gab es Comichefte in meinem Leben, Clever & Smart etc. Literatur, wie sie mir jetzt in die Hände fallen sollte, war das aber sicher nicht.

Foto: Charles Bukowski

Meine Mutter hatte bei dtv ein Paket mit Büchern aus dem Sortiment bestellt. À la Carte quasi. Ohne zu wissen, was dort kommen würde, Bücher aus den Restposten. Wie Labskaus. Was weg musste, kam in das Bündel. Nach einer fachgerechten Sichtung ihrerseits (Was denn das für Schrott), übernahm ich die Drittverwertung der Ausschussware und kam zu beinahe dem selben Ergebnis. Ein Buch, ich war dreizehn und damit voll in der Blüte meiner Pubertät, las ich in einem langen, anziehenden Ritt durch. Am Stück, glaube ich. Das Liebesleben der Hyäne von Charles Bukowski. Ein echtes Machwerk, fand ich damals, mit einer seltsamen Faszination.

Man erinnert sich nur an die versauten Szenen. Detaillierte Beschreibungen von Menschen in, nunja, eindeutigen Situation. Zum rezitieren denkbar ungeeignet. Außerdem geht es nicht nur darum, sondern um das Gesamtbild. Ein Buch ist für mich gut, und das ist heute mehr denn je so, wenn es mich über hundert Seiten Text nicht loslässt. Bukowski konnte das in diesem Augenblick. Das Gelesene war schockierend, der Welt, die ich kannte, völlig fremd. Sex, Drugs, Schriftstellertum. Am Abgrund der Gesellschaft. Es gibt selten Bücher, die mich in ihre Abartigkeit und damit in ihre schonungslose Wahrheit einsaugen, wie dieses.

Als ich durch die Tür kam, klingelte schon wieder das Telefon. Wieder Lydia.
Ich geh aus, schrie sie, ich geh tanzen! Ich werd hier nicht rumhocken, während du dir einen ansäufst!
Du führst dich auf, als wär Trinken dasselbe wie Fremdgehen, sagte ich.
Ist es auch! Es ist sogar noch schlimmer!
Sie legte auf.
Ich trank weiter. Ich hatte kein Bedürfnis nach Schlaf. Bald war Mitternacht, dann ein Uhr, zwei Uhr. Die Coleman-Laterne brannte unverdrossen weiter.
Um halbvier ging wieder das Telefon. Lydia. Bist du immer noch am Trinken?
Na klar!
Du elendes Miststück!
Um genau zu sein, ich pelle gerade das Zellophan von einer brandneuen Flasche Cutty Sark. Ein erhebender Anblick. Schade, dass du's nicht sehen kannst.

Ich habe Bukowski danach vergessen. Obwohl ich Das Liebesleben der Hyäne nicht vergessen habe. Das Buch war verblüffend, der Name des Autoren weniger als unwichtig.

Als Charles Bukowski vor zehn Jahren in San Pedro/Los Angeles 74-jährig an Leukämie stirbt, habe ich es nicht mitbekommen. Ich habe nicht die Nachrufe in den Zeitungen gelesen, habe nicht die Nachrichten im Fernsehen gesehen. Und wenn doch, war der Name für mich nur Schall und Rauch. Wer ist Charles Bukowski?

Ich entdeckte ihn einige Jahre später wieder. Mit Anfang zwanzig. In einem Gespräch ging es um Bukowski, den zu kennen ich verneinte. Ein Freund gab mir Das Leben und Sterben im Uncle Sam Hotel. Mit dem Befehl, ich solle es lesen. Das tat ich. Und ich begann mehr zu lesen. Zuerst mehr Kurzgeschichten: Fuck Machine, Hot Water Music, Pittsburgh Phil & Co, dann Romane und schließlich Gedichte. Da kam auch Das Liebesleben der Hyäne wieder, das ich las, und das mir seltsam bekannt vorkam. Ich kramte im Bücherregal meiner Eltern und fand das Pendant. Ein anderer Einband. Der neue war grün, der damals weiß. Meine Mutter konnte sich nicht erinnern, wie sie an das Buch gekommen war. Ich erzählte es ihr. Alles war wieder da. Im Gedächtnis. Die Faszination, das Festlesen. Auf einmal machte es einen Sinn. Bukowski hatte den Roman 1978, in meinem Geburtsjahr, geschrieben. Es musste mein Buch sein. Mein Zugang zum Dirty Old Man, zu einem der größten und ehrlichsten Geschichtenerzähler des zwanzigsten Jahrhunderts.

Im selben Jahr, 1978, veranstaltet Bukowski seine einzige Lesung in Deutschland. In der Markthalle in Hamburg. Eine tumultartige Lesung soll es gewesen sein, Fans, Jünger (möchte man meinen), reisten aus der ganzen Republik an. Und sie sahen einen Mann auf der Bühne neben einem Kühlschrank, damit der Alkoholfluß Bukowskis nicht gestört wurde.

Aus dieser Lesung entsteht ein wahnsinniges Tagesbuch, Ochsentour. Das Ende seiner Lesung wird Bukowski nicht mit klarem Verstand erlebt haben. Einen realeren Charles gibt es nicht. Auch wenn in seinen Texten viel autobiografisches steht. Der Protagonist Henry Chinaski ist Bukowski, in seinen Texten.

Zu seinem letzten Roman, Ausgeträumt, der kurz vor seinem Tod erscheint sagt er: Dieses Buch wird meine Reputation ruinieren. Steht viel Schlechtgeschriebenes drin. Hoffentlich habe ich das mit Absicht gemacht. Wirklich schlecht ist kein Text von Bukowski. Die Texte sind anders. Man kann sich an ihnen reiben, man kann sie mögen, sogar lieben, man kann sie auch hassen. Bukowski schreibt nicht schön, er schreibt wahr. Vor zehn Jahren, und hier möchte ich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 07. März 2004 zitieren: ... verlor die Welt eines der sprachmächtigsten, unerschrockensten, eigenwilligsten und unnachahmlichsten Originale. Treffender kann man kaum beschreiben, was Bukowski ist und war.

Um einen Einblick in das Leben und das Denken Bukowskis zu bekommen, lohnt sich folgendes Buch besonders: The Captain is Out to Lunch and the Sailors Have Taken Over the Ship - mit Illustrationen vom Robert Crumb, einem Bruder im Geiste.

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