von Klaus Esterluß

Cover Melissa auf der Maur: Auf der Maur
Label:EMI
VÖ:02. Februar 2004

Den Namen hat sie, weil ihre Vorfahren aus der Schweiz stammen. Sie selbst ist in Montreal geboren, als Tochter der ersten - neudeutsch - Rock-DJane der Stadt und eines anarchischen Journalisten. Der war es auch, dem sie ihren ersten Bass zu verdanken hatte. Damals war sie 21. Heute, etwa zehn Jahre später, veröffentlicht Melissa auf der Maur ihr erstes Soloalbum und sie macht den Bass zum Hauptinstrument der Platte. Ihr damaliges Alter und die Tatsache, dass sie autodidaktisch eine ausgezeichnete Bassistin geworden ist, darf, muss ein Fingerzeig sein. Macht Musik, Hörer, auch wenn ihr denkt, zum Anfangen eigentlich zu alt zu sein. Es geht. Nicht umsonst hat Melissa auf der Maur bei Courtney Love's Band Hole gespielt und nicht umsonst bei den Smashing Pumpkins.

Der Weg dorthin ist interessant. Mit ihrem damaligen Partner Steve Durand gründet sie ihre erste Band Tinker. Sie nahm mit dieser Band ein Album auf, tourte durch Clubs und spielte als Vorband der Smashing Pumpkins. Deren Kopf Billy Corgan empfahl sie Courtney Love. Und obwohl Melissa zunächst keine Ambitionen hatte für eine Band zu spielen, in der eine andere Person das sagen hatte, blieb sie fünf Jahre. Und sie blieb im Hintergrund. Billy Corgan war zu diesem Zeitpunkt der Bassist entlaufen und er brauchte Ersatz. Das Soloalbum musste warten. Einem Billy Corgan sagt man nicht ab. Es folgte die Tour zum letzten Album der Pumpkins (Celebrity Skin) und das Ende der Band. Nach sechs Jahren auf Achse, mit Hole und den Pumpkins war die Luft raus. Es folgt eine Pause und die Erkenntnis, wie man gute Songs schreibt. Griffige, eingängige bei Hole und krasse, laute bei den Pumpkins.

Wäre Melissa auf der Maurs Album vor zehn Jahren, in der Zeit mit Tinker entstanden - wie sie es wollte - wäre es wohl unreif gewesen. Eine säuerliche Frucht, bei der man zwar das Ergebnis schon ahnt, aber kaum greifen kann. Die Erfahrung ist gut und wichtig.

Ein Blick ins Booklet des Albums offenbart, noch bevor das erste Feedback aus den Boxen gezerrt wird, die exquisite Gastmusikerauswahl. Sie stehen auf der ersten Seite. Auf der Maur hat keine Band. Die einzige Konstante auf der Platte ist Melissa selbst. Josh Homme und Nick Oliveri von den Queens of the Stone Age spielen, ebenso Paz Lenchantin von A Perfect Circle, Twiggy Ramirez, James Iha und John Stanier. Große Köpfe. Große Musik. Auf der Maurs Bass spielt in allen Songs eine tragende Rolle. Sie beginnt die Stücke damit oder lässt sie durch das Instrument tragen. Durchschütteln trifft es wohl eher.

Denn diese Platte ist Hardrock im besten Sinne. Sie bricht über den Hörer herein. Followed the Waves quasi. Dieser, zweite Song des Albums und erste Single kracht durch einen süßen Refrain hindurch unweigerlich ins Gehirn. Weg bekommt man ihn nicht so leicht. Skin Receiver schlägt in eine ähnliche Kerbe. I follow the waves to you - my heart lies to you. Meins nicht. Real A Lie muss eine weitere Single werden. Bitte. Melodiöser und mitreißender geht es kaum. Courtney Love, die beinahe zeitgleich ihr Album America's Sweetheart veröffentlicht, muss sich warm anziehen. Es wird schwer Auf der Maur zu toppen.

Ein Album ohne Tiefen zu erwarten wäre trotzdem falsch. Die Ballade Overpower Thee, ein Stück mit Basszupfen und Klavier in Moll, passt nicht in die Geschwindigkeit und Stärke des übrigens Songkonstrukts. Bei einem Kinofilm braucht man das manchmal. Eine Pause, einen lichten Moment, um den Überschwang der Bilder zu verkraften. Hier braucht man das nicht. Und man will es nicht. Hier stolpert man. Wenn am Ende des sieben Minuten Stücks I Need I Want I Will Melissas Schweizer Großmutter über das Telefon jodelt ist man erlöst, benommen und glücklich. Selten hat eine Frau - man möge mir das verzeihen - im ernst zu nehmenden Rockbiz eine so mitreißende Platte geschrieben, eingespielt und, vor allem, auch produziert. Mit Hilfe des Masters Of Reality Sängers Chris Goss zwar, aber was macht das.

Melissa auf der Maur bezeichnet in Interviews Billy Corgan als einen großen Bruder. Er ist mindestens das. Gut, dass Auf der Maur heute und nicht vor zehn Jahren erschienen ist. Man spürt die Allgegenwart der Pumpkins und Hole. Das ist in allem positiv zu verstehen. Eine große Rockplatte einer Seelenverwandten. Mehr davon bitte und mehr Mut zu solcher Musik.