Eine Provinz inszeniert sich selbst
Das Theater Brandenburg inszeniert Rolf Hochhuths neues Stück McKinsey kommt - eine erste Anmerkung
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Rolf Hochhuth - McKinsey kommt | |
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Am Wochenende hatte schon der Karnevalsverein für seine Prunksitzung den großen Saal des Theaters gemietet. So schob man das neue Stück des Dramatikers Rolf Hochhuth auf Freitag, den 13. und verbannte es ins Kleine Haus. Eine Warnung?
Der Autor des Stellvertreter
und Wessis in Weimar
, letzteres noch von Einar
Schleef als mittlerer Skandal im Hause Brechts am Berliner Schiffbauerdamm inszeniert, ließ diesmal
in der Provinz, Kontakte über die Akademie der Künste sollen geholfen haben, aufspielen. Warnung
Nummer zwei?
Brandenburg, in dessen Adern einst glühender Stahl floss und dessen Herz in den Hochöfen pulsierte, dort, wo das flüssige Gold des Ostblocks Manfred Krug eine Narbe auf die Stirn spie. Brandenburg, dessen Fußballverein Stahl hieß, und das Spiel ganz sicher nicht erfunden hat. Trotzdem spielte viele Jahre erstklassig. Auch gegen den IFK Göteborg im UEFA-Cup.
Heute leben noch 75.000 Menschen in der Havelstadt. Jeder Fünfte hat keine Arbeit. Tendenz steigend. Im ehemaligen Werk ist ein Industriemuseum eingerichtet. Über den Verein in der Verbandsliga berichtet nur noch die FuWo. Akute Finanznot zwingt zur Fusion mit dem Erzfeind. Nicht einmal einen Feind kann man sich leisten.
Hochhuth treibt in seinem neuen Stück die soziale und irgendwie auch intellektuelle Lage im Land um. Im Angesicht von vier Millionen Arbeitslosen prophezeit der über 70jährige die nächste Revolution. Und die wird blutig werden. Vorerst aber versucht der Autor, noch einmal die Situation zu umreißen. In fünf Akten, eigentlich aber in fünf kleinen Szenen wird das Dilemma der industrialisierten Welt aufgeführt. Rahmenhandlung ist die Fahrt der Parteivorsitzenden der Arbeitslosenvereinigung zum Karlsruher Verfassungsgericht. Dort kulminiert das Stück in der Forderung, das Recht auf Arbeit im Grundgesetz zu verankern. Die Revolution hat, noch bevor sie ausbricht, den institutionellen Weg gewählt und sich selbst ad absurdum geführt. Zwischen diesen beiden Bildern nimmt Hochhuth den Zuschauer in ein abgewickeltes Werk, eine abwickelnde Führungsetage und sich besaufende Angestellte. Allein gemein ist eine schulmeisterliche, nuancenarme Weltsicht. Hochhuth greift sich drei, vier Firmennamen sogenannter global players und prangert deren Geschäftsgebaren an. Alles mühevoll aus der NZZ, der FAZ der FTD und der SuperIllu abgeschrieben. Das eigentliche Drama jedoch ist, dass der Autor seine Quellen nicht einmal verschweigt, sondern wie Fußnoten durch das Stück schleift.
Das Besondere im Allgemeinen, das Große im Kleinen - Hochhuth bleibt es verborgen. Er vermag es nicht, eine atmosphärische Dichte zu kreieren. Seine Figuren bleiben leblose Abziehbilder. Ihr Gespräch verharrt in der Reproduktion des anderswo Gehörten. Hochhuth muss, um die Sache nicht gänzlich einschlafen zu lassen, sogar auf Autorenkommentare aus dem Off zurückgreifen. Nicht einmal ansatzweise gelingt eine Poetisierung oder Dramatisierung des Stoffes. Hochhuth scheitert mit seinen Figuren genauso wie die bundesdeutsche Gesellschaft an der Komplexität der Materie.
Regisseur Oliver Munk und sein Ensemble wurschteln sich durch das Stück. Im Theater ist die Frage, ob ein Darsteller seine Rolle verstanden haben mag, eine besonders garstige. Bei Hochhuth jedoch gereicht sie zur Entschuldigung. Positiv bleibt nur, dass Munk das Stück dahingehend gerettet haben mag, dass er es in der Provinz auf die Bühne und dadurch vor dem totalen Schiffbruch bewahrt haben mag. Doch auch seine Arbeit, ein Exkurs über den Kannibalen von Rothenburg auf dem Mars und einem sodomitischen Pitiplatsch, schockiert niemanden, sondern ist schlicht peinlich. Da soll vom schreienden Jugendvolk als gleichsam von sozialem Elend Betroffenen erst gar nicht die Rede sein. Hier entlässt keine Revolution ihre Kinder. Und selbst das Verbrennen der Europaflagge amüsiert bestenfalls unfreiwillig.
Der geistreiche ostdeutsche Publizist und ZEIT-Autor Christoph Dieckmann wird hinterher sagen, dass es gut sei, dass dieses Thema den Weg auf die Bühne gefunden habe. Dem wird das klamme Theater zustimmen. Die wenigen angesetzten Vorstellungen sind allesamt ausverkauft. Für einen Abend hat die Beraterfirma McKinsey komplett gebucht.
Die Inszenierung Wessis in Weimar
war kurz vor ihrer Uraufführung 1993 noch
Verhandlungsgegenstand vor Gericht gewesen. Damals wurde das Berliner Ensemble gezwungen, den
Premierengästen eine kostenlose Textversion zur Verfügung zu stellen. Dieses Mal aber greift der
Gast selbst zum Buch. Denn das kann es einfach nicht gewesen sein.
