Eine Verweigerung

Selten hat sich ein Autor so weit vom großen Stoff entfernt - und war ihm dabei so nah

von Jürgen Wutschke

Cover Christoph Hein - Landnahme
Verlag:Suhrkamp
VÖ:2004

Eines vorweg: Er ist es nicht - der noch immer ausstehende Wenderoman eines ostdeutschen Autors. Der Schriftsteller Christoph Hein muss dem Leser nicht mehr vorgestellt werden. Seit nunmehr schon etlichen Jahren gehört er zu den großen Erzählern der deutschen Nachkriegszeit. Ihm eigen ist, was der Literaturwissenschaftler Hans Mayer als Grundlage allen literarischen Schreibens sieht, das Leiden an Deutschland. (Mayers Redebeitrag in der Reihe Nachdenken über Deutschland 1990) Der fremde Freund, Horns Ende und Der Tangospieler sind beredete Zeugnisse dieses Schmerzes, aber auch der literarischen Ausnahmestellung des Autors. Einige dieser Bücher können mit allem Recht mittlerweile zu den Klassikern deutscher Nachkriegsliteratur gezählt werden. Zu denen ostdeutscher Literatur ohnehin.

Mit seinem neuen Buch Landnahme erhebt Hein erneut seine Stimme im neuen Deutschland und tritt mit einem Werk, dass durchaus das Potential zu einem weiteren Meisterwerk hat, auf. Schon der Rückgriff auf ein vertrautes Erzählmuster, den Bericht, auf die aus anderen Werken des Autors bekannte Ortschaft Guldenburg und vertraute Figurenkonstellationen vergrößerte den Heinschen Kosmos nicht über seine Grenzen hinaus, sondern geben diesem Fülle, Lebendigkeit und Tiefe. Hein findet nicht zum ersten Mal in der scheinbaren Provinz das Alltägliche.

In fünf Berichten wird die Ablehnung der Dorfbevölkerung gegenüber den Vertriebenen, die schulischen Probleme des Flüchtlingskindes, die Suche nach einem Platz im eigenen, wie im dörflichen Leben, zuletzt aber auch der Aufstieg zum tonangebenden Privatwirtschaftler im Ort geschildert. Hein eröffnet dem Leser einen zarten Bildungsroman, doch strebt der Held nicht nach Erkenntnis und Einsicht, verfolgt keine hehren Ziele. Haber sucht sein Stück Glück in der Welt. Und diese Welt ist eine beschränkte. Hein beschreibt gleichsam das Thema, eine Heimat zu finden. Ein Vertriebener, ein seiner Wurzeln Beraubter wird zum Fluchthelfer für jene, denen die Heimat zu eng ist, deren Wurzeln an Grenzen stoßen.

Hein verweigert ebenso den Blick in die weite Welt - wozu auch, findet sich doch daheim das Ganze im Kleinen - das Paradigmatische in den Personen. Die Hauptfigur Bernhard Haber bekommt ihre Konturen durch die Berichte der Anderen. Deren Blick auf die Person und die Zeit verleihen der Handlung das Greifbare. Haber, mit seinen Eltern nach 1945 aus Schlesien in die sächsische Provinz geflüchtet, wird durch die Augen seines Banknachbarn in der Schule, einer Freundin, eines Kollegen, der Schwägerin und eines Jugendfreundes geschildert. Diese subjektive Brechung der Sichten auf die Hauptfigur erlaubt es, dessen verschiedene Seiten subjektiv differenziert zu beleuchten. Zwar schält sich so, zumal die Berichte um drei oder vier Charakterzüge kreisen, aus dem Objekt der Beobachtung das Subjekt, doch bleibt genug Raum für jeden, in Haber das Individuelle, das nur dem, der berichtet, erzählenswert erscheint, zu erkennen. Und hier liegt vielleicht auch die einzige Schwäche des Buches. Die Berichte bemühen sich um ein Bild Habers. Dabei treten die Sprecher aber in den Hintergrund und bleiben selbst etwas blass. Nicht einmal in der Sprache unterscheiden sie sich. Nur in unnötigen Ausnahmen gestattet Hein ihnen ein wenig eigenes Leben.

Der Einschluss ins Kleine und selbst die Rückkehr des Helden nach den Jahren ins beschauliche Dorf mindern naturgemäß den Einbruch des Politischen ins Private. Der 17. Juni ist nur ein Abenteuer in den Augen der Jugendlichen, der Mauerbau vereitelt die Geschäfte als Fluchthelfer und zwingt zur Rückkehr, die Kollektivierung bleibt eine gut überstandene Episode und die Wende bringt scheinbar nur die Restauration. Die große Politik scheint einen Bogen um Guldenburg zu machen und schickt nur ihre schwachen Ausläufer. Die Zeit und mit ihr die konservativ-traditionellen Wertvorstellungen überleben im überschaubar kleinen Raum. Die Verweigerung der großen Geschichte bringt den Autor und sein Ensemble mitten in deren eigentliches Zentrum. Denn auch die scheinbar nur langsam dahinschlurfende Zeit war ein Teil der DDR-Geschichte. Die Nische, in die man sich zurück zog, war nicht nur die eigene Neubauwohnung oder die Familie. Sie konnte durchaus ein ganzes Dorf im zugegebenen Abgeschiedenen sein. Die DDR war eben nicht zu einem Großteil Unterdrückung und Widerstand, sondern kleinbürgerlicher Mief. Nirgendwo sonst war dieses kleine Land dem großen Westen näher. Vielleicht sogar besser. Es gibt sie nicht - DIE Geschichte der DDR. Es gab sie nicht und wird es zum Glück nie geben. Aber es gibt die Geschichten der DDR. Und Christoph Heins ist eine davon.

Das Flüchtlingskind Haber steigt zum größten Tischler der Umgebung auf, bleibt all die Jahre selbständig, bestimmt mit gleichgesinnten die Politik vor und nach der Wende. Er ist wer im Ort. Und privat? Haber kauft sich ein Grundstück, bekommt die verfallene Villa umsonst dazu. Eineinhalb Jahre später ist das kleinbürgerliche Glück perfekt. Mit Frau und Kindern. Haber findet das große Glück im Kleinen, wie der ostdeutsche Publizist Christoph Dieckmann eines seiner Bücher nannte.