Zum Sehen geboren, zum Schauen bestimmt
Ein Leben für die Akademie der Künste
![]() |
Ulrich Dietzel - Männer und Masken | |
|---|---|---|
| Verlag: | Faber und Faber | |
| VÖ: | 2003, Leipzig | |
In der DDR halfen die einen der führenden Kraft, indem sie dazu beitrugen, aus der
Akademie ein Instrument der SED-Funktionäre auf dem Gebiet der von Kunst und Kultur zu machen, die
anderen wollten der Partei helfen, indem sie ihre künstlerische Kompetenz und ihre produktiv
verstandene Kraft zur Verfügung stellten. Die Auseinandersetzungen zwischen diesen Gruppen müssen
gezeigt werden, wenn man die Akademie verstehen will.
(S. 329)
Die Akademie war für ihre Mitglieder aber nicht nur der Ort zum Taktieren oder auch Paktieren mit der Partei. Sie bot auch Möglichkeit zum Rückzug, zum Probieren und Entdecken. Nicht wenige Autoren erhielten durch Akademiemitglieder den Raum für Lesungen und Diskussionen. Einige der später erfolgreichen Schriftsteller verdanken ihr die eigene Laufbahn. Nicht zuletzt war sie auch ein Ort begrenzter Liberalität und Sicherheit.
Für die Mitarbeiter hingegen war es vielfach ein Vermitteln zwischen den stark unterschiedlichen Künstlercharakteren. Dabei unterlässt Dietzel es nicht, auf die Brüche und Widersprüche in Lebensentwürfen staatlich hofierter Autoren zu verweisen. Als Leiter der Archivabteilung und Herr über unzählige Nachlässe, die er oftmals persönlich in die Akademie verhandelte, kann er dabei auf einen unvergleichlichen Fundus zurück greifen. Und aus ihm schöpft er in seinem vermeintlichen Tagebuch (Untertitel) der Akademie.
Nüchtern schildert Dietzel die Eitelkeiten und Marotten der Schriftsteller. Das Miteinander komplexer Künstlerseelen war nicht selten ein Gegeneinader. Im ungünstigsten Fall rechneten die Autoren ihre Biographien gegeneinander auf. Doch neben den Eitlen, den Gecken, gab es auch die um Ausgleich bemühten Mitglieder, die neben der eigenen Arbeit auch um die programmatische Ausrichtung der Akademie rangen. Allen voran die beiden langjährigen Präsidenten: Der Schriftsteller Stephan Hermlin und der Regisseur Konrad Wolf. Eine Chronik der Akademie ist in hohem Maße auch eine Chronik intellektueller Brüche, Täuschungen und Enttäuschungen ihrer Mitglieder.
Dabei wirft Dietzel besonders auf zwei in der jüngsten deutschen Geschichte arg bedrängte Künstlerbiographien ein milderes Licht. So beschreibt er Hermann Kant, den Präsidenten des Schriftstellerverbandes, als bemühten, an Vermittelung interessierten Intellektuellen. Vor dem langjährigen Präsidenten der Akademie Stephan Hermlin, in den 90er Jahren heftig von Karl Corino attackiert, jedoch verneigt sich Dietzel voll Ehrfurcht. Ihm ist sogar das Buch gewidmet.
Doch auch die Biographie des Autors hat ihre sprichwörtlichen Wendepunkte. Die Überlegenheit eines Systems, vor allem aber dessen gesellschaftlicher Wert, erweist sich nicht zwangsläufig dadurch, dass sein vermeintliches Pendant scheitert. So behält der Sozialismus/Kommunismus durchaus seine Berechtigung. Doch wurde der nach 1945 eingeschlagene Weg der Idee zunehmend ungerecht. Und selbst seine Perversion im menschenvernichtenden Stalinismus schien durch das Gute des ursprünglich Gedachten gerechtfertigt. Dass die Monstrosität der Entartung selbst den Antifaschismus diskreditiert, wie es Hermlin sah, ist die Lebenslüge des DDR-Sozialismus. Diese Einsicht auf die eigene Biographie zu münzen, scheint dabei der kleinere Schmerz zu sein.
Den umfangreichsten Teil des Berichts nehmen die letzten Jahre der DDR sowie das erste Lebensjahrzehnt der neuen Bundesrepublik ein. In Zeiten der Unsicherheit und Umbrüche wächst auch der Wunsch, sich seiner selbst zu vergewissern. Dietzel äußert ihn nicht, doch werden seine Eintragungen dichter und spiegeln zunehmend die eigene Zerrissenheit wieder. Er tritt deutlich aus dem Schatten des Chronisten und wirft sich in die Zeit. Nicht nur die Akademie sucht sich, auch der Autor muss sich von Lebensentwürfen trennen und sein Koordinatensystem neu justieren. Und zeitgleich will die Akademie Ost, deren Direktor Dietzel wird, im Westen ankommen.
Dieses Buch ist keine Biographie. Weder die eines Einzelnen, noch die einer Institution. Sie ist eine Chronik und zugleich so viel mehr. Sie wird zum Gewissen, zum Klagebuch, zum Erzähler innerer Zerrissenheit und Widersprüche. Hier ringen Menschen mit ihren Idealen, mit ihrem Staat und nicht zu letzt mit sich. Dietzels Schilderungen sind auf dialektisch höchstem Niveau. Denn hier ringen Individuen in Kenntnis ihrer Verwurzelung um eine Zukunft. Mit allen Fehlern und Irrtümern. Aber nicht ohne Ideale und Hoffnung.
