Guillaume, die Frauen und schmutzige Spiele

Der Rücktritt Willy Brandts erregt die Nation bis heute. Hermann Schreiber versucht, Licht ins Dunkel zu bringen.

von Bert Große

Cover Hermann Schreiber - Kanzlersturz, Warum Willy Brandt zurücktrat
Verlag:ECON Verlag
VÖ:2003, München
ISBN:3-430-18054-6

Normalerweise ist bei Büchern zum Film Skepsis angebracht. Versuchen Verlage, Autoren und Rechteinhaber doch häufig genug, auf der Erfolgswoge zu schwimmen und mit der Zweitverwertung nochmals kräftig abzukassieren. So viel sei vorab bemerkt, im Fall von Hermann Schreibers Darstellung der Ereignisse um Willy Brandts Rücktritt handelt es sich nicht um ein Merchandising-Produkt aus der heißen Feder.

Schreiber, 1974 Spiegel-Autor und als Mitglied des Bonner Journalistenkorps Zeitzeuge der Ereignisse war als Berater von Oliver Storz an dessen Dokumentation Im Schatten der Macht beteiligt, die kürzlich recht erfolgreich in der ARD lief und in den Feuilletons breit diskutiert wurde.

Die Enttarnung Guillaumes ist nur ein Teil der Kampagne, die letztlich am 6. Mai 1974 zum Rücktritt des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers führte. Voraus gegangen war eine politische Auseinandersetzung zwischen Brandt, seinen Widersachern und den Medien, die das Land noch nicht erlebt hatte.

Die Affäre Guillaume

Aufhänger für Brandts Rücktritt war die Enttarnung von Günter Guillaume als Agent der DDR-Auslandsaufklärung. Guillaume gehörte als Partei- und Gewerkschaftsreferent zum engsten Mitarbeiterstab des Bundeskanzlers. Mehr als 20 Jahre lang waren seine Frau Christel und er als Spione in der Bundesrepublik tätig. Ursprünglich nur beauftragt, interne Informationen über die SPD zu beschaffen, gelangt Guillaume, der in den 50iger und 60iger Jahren Mitarbeiter der hessischen SPD und erfolgreicher Wahlkampfmanager war, eher zufällig im Zuge der Machtübernahme 1969 ins Bundeskanzleramt.

Enttarnt wurde Guillaume im Frühjahr 1974, nachdem er Brandt als zuständiger Referent in dessen Urlaub nach Norwegen begleitet hatte und dort Zugriff auf geheime Dokumente bekam. Er war verdächtig, diese an den Osten weitergeleitet zu haben, was sowohl Guillaume, wie auch Markus Wolf in den 90iger Jahren heftig bestritten.

Die Affäre Guillaume gehört noch heute zu den dunklen Kapiteln in der Geschichte des BND. Wie es dem ehemaligen DDR-Aussiedler gelang, alle Sicherheitsüberprüfungen zu bestehen und Zugang zu geheimen Unterlagen zu erhalten, konnte selbst der Untersuchungsausschuss des Bundestages 1973 nicht klären

Sex and crime

Schreiber öffnet in seiner Darstellung eine zweite Ebene, die in der Historie häufig weniger belichtet wurde. Der Bundeskanzler war umzingelt von politischen Gegnern. Das Triumvirat Brandt-Schmidt-Wehner focht mehr oder weniger offen den Kampf um die politische Macht aus. Der liberale Koalitionspartner kämpfte intern um die Koalitionsausrichtung. Besonders Innenminister Hans-Dietrich Genscher und sein damaliger Büroleiter Klaus Kinkel nutzten die Gerüchte um angebliche Affären Brandts, dem seitens seines Personenschutzkommandos regelmäßig Frauen zugeführt worden sein sollen, um mit dem Hinweis auf die Würde des Amts und mögliche Erpressbarkeit kräftig an Brandts Rücktritt zu arbeiten. Als im Frühjahr 1974 eher zufällig Hinweise über einen Agenten in höchsten Kreisen aufkamen, wollte Brandt dem Druck nicht länger standhalten. Die Entscheidung zum Rücktritt schilderte er später immer wieder als befreienden Akt.

Fazit

Hermann Schreiber ist es gelungen, ein vielseitiges Portrait der Beteiligten zu zeichnen. Der Top-Spion Guillaume war eigentlich ein Kleinbürger, zerrissen zwischen seiner Verehrung für Brandt und dem Auftrag. Seine gesammelten Informationen galten letztlich als eher zweitklassig. Nach sieben Jahren Haft ausgeliefert, wurde Guillaume in der DDR aufs Altenteil abgeschoben. 1995 starb er als einsamer schwerkranker Mann.

Besonders für jüngere Leser legt Schreiber neue Facetten im Bild von Willy Brandt frei. Des Regierens müde, geplagt von schweren Depressionen, umzingelt von politischen Gegnern, war Brandt nur ein Jahr nach der grandiosen Willy-Wahl innerlich ausgebrannt.

Der journalistische Stil sorgt für kurzweilige spannende Unterhaltung. Die Rekonstruktion der Ereignisse erfolgt nahezu minutiös. Leider war der Autor gezwungen, die Memoiren der Beteiligten als Quelle zu nutzen und übernimmt die Intentionen der Beteiligten allzu unkritisch. Trotz dieser vorsichtigen Kritik ist das Buch allen Interessierten eindeutig zu empfehlen. Dem Leser bietet sich ein überaus spannendes Stück deutscher Geschichte.