Der Dandy bringt die Postmoderne zum Scheitern

Die View-Autoren verabschieden sich in loser Folge von Harald Schmidt

von Jürgen Wutschke

Im englischen Seebad Brighton erschien um die Wende zum vorigen Jahrhundert ein gewisser Henry Cope of Brighton auf der öffentlichen Bildfläche. Bald schon war er über die Promenaden des beschaulichen Ortes hinaus bekannt und Mittelpunkt der Gespräche. Cope trug nämlich nur Kleidung, die aus grünen Stoffen gefertigt wurde. Speiste er öffentlich, aß er nur grünes Gemüse. Folglich bedachte die konservative Gesellschaft ihn alsbald mit dem Spitznamen the green man. Cope inszenierte sich. Seine Kunst bestand darin aufzufallen. Das Kunstwerk war er selbst. Und doch war er schon damals kein Tabubrecher mehr.

Cope füllte lediglich die Lücke, die Beau Brummel in der englischen Gesellschaft nach seinem Gang ins Exil hinterlassen hatte. Brummel erfand sich gleichsam, war ebenso Künstler in eigener Sache. Allerdings war er der Erste und mit ihm bekam das Dandytum sein Gesicht.

Brummels Einfluß auf die moderne Mode kann kaum überschätzt werden. Reduktion war fortan eine ästhetische Kategorie und zugleich das Gegenbild der in französischer Opulenz schwelgenden anderen um Extravaganz bemühten englischen Jünglinge. Er war der erste Dandy und hinterließ eine Schar fortan führungsloser Jünger. Kunst mussten nach seinem Abgang fortan die anderen betreiben. Und doch blieb Brummel als jener, der die Dandys aus den englischen Hinterhofclubs auf die Seepromenade geführt hatte, bekannt. In Marcel Proust, Arnold Schönberg und Oscar Wilde fand er Schüler, die nicht weniger umstritten waren. Wilde wurde zum Heros der Homosexuellenbewegung, Schönberg vertonte 1946 seinen Herzinfarkt. Sie alle zogen sich ihren Kreis von Jüngern, die ihnen bis heute die Treue halten. Wer Beweise sucht, muß in Paris nur Wildes Grabstein suchen.

Dieser Tage tritt wieder einmal einer der Großen des Dandytums ab. Und wieder bleiben die Apologeten und Trabanten ratlos zurück. Harald Schmidt, der schon beinahe zur Ikone stilisierte Talker von SAT1., tritt nach acht Jahren vorläufig ab. Niemand hat in den vergangenen Jahren in Deutschland derart das Dandytum ausgelebt. Blättert man im Vorlesungsmanuskript des Frankfurter Professors Heinz Steinert zu Adorno, könnte man leicht annehmen, der Altphilosoph und Autor der minima moralia hätte Schmidts mitternächtliche Exkurse noch persönlich gesehen. Moralische Autonomie, die Arbeit aus einem Überfluß heraus, extravagantes Denken und Außenseitertum sind nur einige der Adornoschen Kriterien.

Und tatsächlich. Immunität gegen Anbiederungsversuche und Parteilichkeit trug Schmidt immer dann zur Schau, wenn er desinteressiert die Kleinkunstprogramme seiner Gäste bewarb, bei Biolek kochte oder schon am nächsten Tag den Gast vom Vorabend demontierte. Jeder, der sich anmaßte, auf vermeintlich gleichem Niveau zu erscheinen, ließ er gnadenlos scheitern. Diesem Freischweben, gepaart mit dem Wissen um die eigene Unantastbarkeit, haben die bundesdeutschen Feuilletons beinahe wöchentlich gehuldigt. Schmidt interessierte das Tun seiner Gäste in den seltensten Fällen. Zum einen waren deren Versuche, oftmals zweitklassige Arbeiten zu promoten, unter dem intellektuellen Niveau des Gastgebers. Zum anderen langweilte es ihn schlichtweg. Der Daumen der Gunst ging entweder noch oben oder, was wesentlich öfter vorkam, nach unten. Daß ein Gast rein gar nichts zu holen hatte, erkannte man spätestens, wenn sich Schmidt in Floskeln erging, nach dem Urlaub fragte oder sich Planungsstadien von vermutlich nie produzierten Sendungen erklären ließ. Als Höchststrafe galt eine Belehrung durch den Dandy oder dessen angestrengtes Vergessen, wer am jeweiligen Abend aus welchen Gründen geladen worden war. Hatte ein Gast wider Erwarten doch unterhaltsames zu berichten, oder kam man einfach nicht umhin, ihn in der Sendung zu haben, war Schmidt mit seinem Latein schnell am Ende. Gut wenn ihm dann zu den vorgetragenen Geschichtchen eigene Anekdoten einfielen. Und schon war man mitten im Sängerwettstreit.

Es gab kaum Sendungen, in denen der Gastgeber mit den Großen der Branche auf Augenhöhe agierte.

Doch worin bestand die Exklusivität des Dandys? Schmidt hat es verstanden, sich bis zuletzt unantastbar machen. Zwar feierte ihn das Feuilleton wegen seiner vermeintlichen Kulturkritik, doch eigentlich tat er nichts anderes, als auswendig gelernte Namen wie auf Zuruf, meistens sogar passend, in die Runde zu werfen. Gelang dies überzeugend genug, glaubten nicht nur die ohnehin Ahnungslosen das Expertentum der Kunstfigur und traten - verschwörerisch Beifall klatschend - in den Kreis der Wissenden. Wer will schon gern durch Unwissenheit zurück stehen? Am nächsten Tag erklärten sich dann die keinen Deut Schlaueren in der Firma die ihnen nächtlich präsentierte Welt. Das funktioniert solange, wie Schmidt den anderen weismachen kann, er wüsste noch ein wenig mehr als sie. Gelang ihm dies nicht, floh er meist in die Welt des Theaters. Ein Kunstfigur berichtet von zu Hause. Doch was steuerte der Moderator ansonsten zum kulturellen Verständnis bei? Nichts. Schmidts Kriterien waren allein die eigenen Launen. Dazu ein wenig abseits des Mainstreams gestöbert. Fertig war die Soße. Man mache sich einmal die Mühe und versuche sich an ein Urteil des Dandys zu erinnern, dem eine Begründung folgte. Es wird ein langer, trauriger Abend werden. Das Individuum machte sich zur entscheidenden Instanz. Subjektive Launen galten fortan als allgemeine Urteile. Zwar wird Schmidt beteuern, eben allein für sich zu sprechen, doch war für diese halbherzige Flucht die Jüngerschar am Ende schlicht zu groß. Schmidt war das Gesicht zur Postmoderne. Seine hypnotisierte Zuhörerschaft der Beweis und Grund für das Scheitern dieser Epoche. Ein Schritt zurück - Guten Tag Moderne.

Schmidt musste auch deshalb aufhören, da er mit seinem Dandytum begann, statt die Avantgarde zu sein, in den Mainstream zu wechseln. An dieser Stelle befand er schon einmal. Als nämlich der Rest der Medien seine Witze vom Vorabend wiederholte, verlor er seine Exklusivität. Den Dandy musste man nicht mehr gesehen haben, denn er wurde verlässlich nachgeliefert, wobei noch ein paar andere kurz in seiner Sonne stehen durften. Damals reichte eine kurze Pause zur Neuerfindung. Dieses Mal muß mindestens der Sender gewechselt werden. Und dabei kann Schmidt nur verlieren. Bislang kostete seine Ignoranz der Marktkräfte den Gebührenzahler nichts. Das wird bei den Öffentlich-Rechtlichen anders beurteilt werden. Zudem wird seine Innovativität, seine Fähigkeit, sich noch einmal neu zu erfinden, kritischer beobachtet werden. Somit bleibt die wahrscheinlich einzige Überraschung denn auch, wer den Dandy aufnehmen wird, um ihm seinen Alterssitz zu bezahlen.

Schmidt vermochte es, spielerisch aus dem Nichts ganze Sendungen zu machen. Selbst wenn er nur von seinem Proktologen erzählte, regnete es am nächsten Tag Anerkennung und Anbiederung seiner Trabanten. Im Notfall bediente der Dandy die jede Banalität dankbar aufnehmende Zuhörerschaft mit Anekdoten aus der scheinbar eigenen Biografie. Bei nächster Gelegenheit wird er die Transparenz und eingegangene Nähe durch das Behaupten des Gegenteils genüsslich zu demontieren wissen. Die soeben zertrümmerte Story ließe sich dadurch wunderbar und beliebig oft wiederholen. Der Ausgangspunkt mußte nur jedes Mal ein anderer sein. Mit drei Geschichtchen konnte er so sechs Abende füllen. Schmidt brauchte sie nur in unterschiedlicher Reihenfolge erzählen können. Mit der Zeit aber zementierte sich so im Hintergrund das inszenierte Selbst des Dandys und begehrte auf. Spätestens hier geht dann die Möglichkeit, den Künstler von der Kunst zu unterscheiden, verloren. Geht die Person zuletzt vollkommen in ihrer Inszenierung auf, oder wenn nur noch die inszenierte Figur als existierend akzeptiert wird, sie ihrem Erfinder durch die Trabanten praktisch entrissen und an seiner statt als real angesehen wird, gabelt sich der Weg in Richtung Depression oder nihilistischem Zynismus. Glücklich darf sich dabei schätzen, wem letzteres gelingt.

Der Glaube an die Unsterblichkeit der eigenen Inszenierung hat ihre Wurzel in der (überstrapazierten) Demonstration der Freiwilligkeit der Arbeit. Schmidt frönte in lasziver Pose dem Luxus, über scheinbar unendlich viel Zeit zu verfügen. Er schaffte es spielend, das von seinem Klassenprimus Manuel Andrack penibel geplante Programm, durch ein oder zwei Gesten wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen zu lassen. Das schaffen wir nicht mehr, machen wir es eben morgen, war der wahrscheinlich am häufigsten gebrauchte Satz in der Sendung. Und morgen? Es wird sich zeigen.

Schmidts Reaktion auf eine Vorführung eines seiner Mitarbeiter, der ihn als Adventsgeschenk parodierte, sprach hierbei Bände. Der Dandy war nicht mehr tonangebend, sondern musste mit ansehen, in seinen eigenen Manierismen verfangen zu sein. Ein Gefangener seiner eigenen Inszenierung.