Wenn sogar schon die Figuren türmen ...
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Siegfried Lenz - Fundbüro | |
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| VÖ: | Hamburg 2003 | |
Am vorletzten Sonntag eröffnete die FASZ ihr Feuilleton mit einer Betrachtung über lauter
letzte Bücher der großen deutschen Nachkriegsschriftsteller. Diese, so der Tenor, seien nun in die
Jahre gekommen und den Titeln ihrer jüngst veröffentlichten Werke wäre der Abtritt oftmals schon
eingestanzt. Als Beispiel wurde Günter Grass mit seinem bibliophilen Lyrikband Letzte Tänze
sowie Walter Kempowski herangezogen. Die Liste ließe sich um Peter Rühmkorfs Vorletzte
Gedichte
, mit dem scheinbaren Verweis auf ein finale grande ergänzen. Obendrein fordere eine
junge nachwachsende Generation von Autoren den Abtritt der großen alten Männer und Frauen.
Doch genau hier liegt der Knackpunkt: Denn was dort in den Startlöchern wartet ist beinahe ausnahmslos zweitklassig. Dass der deutschen Literatur der Generationenwechsel bevorsteht ist nicht zu leugnen, doch die Nachrückenden geben beängstigend viele Gründe, sich zu sorgen. Einfallslos, sich in formalistischen Spielereien erschöpfend, schlicht unmotiviert. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Also sei noch einmal ein Blick auf die Alten gestattet. Nehmen wir heute Siegfried Lenz. Lenz
ist mit seinen Romanen Deutschstunde
und Heimatmuseum
Standard in den Schulen geworden
und das aus gutem Grund. Nun ist von ihm auch ein sogenanntes letztes Buch erschienen. Dieses
Prädikat jedoch lässt sich aus dem Titel nicht erschließen, sondern kann vom FASZ-Autor lediglich
auf den Jahrgang des Schriftstellers gemünzt sein. Es sei Lenz demnach ein noch recht langes Leben
gewünscht, um ein wirklich letztes Buch zu schreiben. Denn mit Fundbüro
darf er einfach nicht
abtreten.
Das Buch ist ein muffiges Bändchen, vom Verlag durch ein großzügiges Schriftbild auf 300 Seiten gebläht. Mit Geschick hätte es eine Novelle werden können. Ein Roman ist es niemals. Die Figuren sind mit Namen versehene Pappkameraden, hüftsteif und leblos. Ihre Beziehungen untereinander lieblos, ihre Sprache inhaltslos und realitätsfern. Und die Handlung? Es gibt sie nicht. Ein Träumer landet im Fundbüro eines Bahnhofs, soll Anfang Zwanzig sein, benimmt sich wie bestenfalls Elf. Ab dann ist er nur noch altklug. Sein Werben um eine ältere Kollegin soll in ihrer Holzschnittartigkeit charmant sein, im wahren Leben ist es schlicht Belästigung wenn nicht sogar Nötigung. Die anderen Mitarbeiter bleiben konturenlose Geschöpfe, die angeblich gegen ihre eigene Wegrationalisierung durch die Bahn hoffen. Dem Leser wäre es zu wünschen gewesen. Der noch halbwegs interessante Kollege wird dann Mitte des Buches entlassen und erleidet einen Infarkt oder Schlaganfall. Es entzieht sich die Figur den Klauen des Autors durch die Einstellung der Gesundheit. Glückwunsch.
An dieser Stelle ließe sich trefflich über das von Schriftstellern vielfach beklagte
Eigenleben ihrer Figuren philosophieren. Flann O'Briens In Schwimmen zwei Vögel
sei dem Leser
an dieser Stelle wärmstens ans Herz gelegt. Dort fordern lauter angefangene Helden vom Autor ihre
konsequente Fortsetzung. Wäre natürlich auch eine Lösung gewesen.
