Der Osten führt Deutschland - nur wohin?
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Tanja Busse/Tobias Dürr (Hg.) - Das neue Deutschland Die Zukunft als Chance | |
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| Verlag: | aufbau Verlag | |
| VÖ: | Berlin 2003 | |
Die Nachwendezeit ist vorbei, aber sie hat Tatsachen geschaffen. Menschen auf Dauer die
Dieser Satz des
Herausgebers Tobias Dürr, dem Editor des Intellektuellenmagazins sozialen Grundlagen der Selbstachtung
entzogen zu haben - darin besteht der bleibende Verrat,
den das vereinigte Deutschland an allzu vielen seiner neuen Bürger begangen hat.Berliner Republik
, kann
beinahe ohne Abstriche als Zusammenfassung des Aufsatzbandes zitiert werden. Die Warnung Wolfgang
Thierses, der Osten Deutschlands könnte kippen, muss bereits als bittere Wahrheit konstatiert
werden. Der Osten hat sich 1990 nicht wiedervereinigt, er wurde überrannt. Speziell im Nordosten und
Norden wird auf Jahrzehnte verbrannte Erde zurückbleiben. Bis heute haben mehrere Millionen
Ostdeutscher ihre Heimat verlassen. Und der Aderlass wird anhalten. Fatalerweise sind es aber die
Gebildeten und Jungen, die gehen. Gerade die, die das Land zwischen Rügen und Fichtelberg eigentlich
aufbauen sollten. Düstere Prognosen sprechen von nur noch 8 Millionen Einwohnern im Jahre 2020. Die
DDR brachte 1990 die doppelte Mitgift in diese ungleiche Ehe.
In einem der Zukunftsszenarien entsteht östlich der Elbe Deutschlands Florida - ein Altenparadies. Helmut Kohls Donnerworte eines kollektiven Freizeitparks werden sich möglicherweise anders als tatsächlich gewollt bewahrheiten.
Die optimistischen der 19 hier versammelten Essays konstatieren zwar gleichsam den ostdeutschen Verfall, sehen in ihm aber nur das Muster für westdeutsche Probleme. Die Erfahrungen der Ostdeutschen in Umbruchsituationen kann Vorbild für ähnlich geartete Probleme in den alten Bundesländern sein. Der Osten als Vorbild? Die Wiedervereinigung als quasi pränatale Prägung gesamtdeutscher Transformationen? Man kann es so sehen. Dann darf man nur nicht an die milliardenschweren Transferleistungen in den letzten 13 Jahren denken. Und ihr versickern in rauer Erde. Viel wahrscheinlicher ist hier das Szenario eines auf Dauer entlang einer südlich von Berlin liegenden Achse geteiltes Ostdeutschland. Während Sachsen und Thüringen es schaffen allerhand Großinvestoren zu binden, erweist sich der märkische Sand als Treibsand, in dem alles versickert. Demnächst scheint die Chipfabrik in Frankfurt/Oder zu folgen. In Dresden baut AMD derweil die zweite. Mecklenburg-Vorpommern kann schon nur noch allein vom Tourismus profitieren.
In 19 Aufsätzen beschreiben so unterschiedliche Autoren wie Wolfgang Engler, Matthias Platzeck oder Landolf Scherzer ihre Sicht auf den Osten der Republik. Und abhängig von ihren derzeitigen Positionen fällt ihr Fazit aus. Wo der eine die Sonne zumindest aufgehen sehen will, registriert der andere tiefschwarze Nacht.
Einhellig stellen die Autoren aber fest: der Osten tickt anders. Parteienklüngel und Individualität sind ihnen noch immer fremd. Wollen sie es dennoch schaffen werden sie sich auf ihre vielgeschmähten Tugenden wie Gemeinschaftssinn und Solidarität besinnen müssen. So bleibt nach der Lektüre dieses Bandes, der eigentlich Pflichtlektüre werden müsste, auch nur die traurige Gewissheit, dass sich bestehende Unterschiede bestenfalls festigen werden. Wahrscheinlicher ist hingegen ihre weitere Differenzierung.
