Er hält ihn fest in seinem Arm
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Uwe Timm - Am Beispiel meines Bruders | |
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| Verlag: | Kiepenheuer & Witsch | |
| VÖ: | August 2003 | |
Uwe Timm hat die Metaerzählung seines schriftstellerischen Schaffens in Buchform veröffentlichet. Es handelt sich dabei um die Dreiecksbeziehung zwischen ihm, seinem Vater und seinem Bruder. Nur eben daß der Bruder bereits 1943 an der Ostfront infolge einer schweren Verwundung, die ihn beide Beine kostete, verstarb. Er hinterließ ein kleines Fronttagebuch, nebst ein paar Habseligkeiten, die gebrochene Familie und den 16 Jahre jüngeren Bruder. Der Vater wird diesen Verlust nie verschmerzen können und ihn, den Nachgeborenen, spüren lassen, dass er der falsche Überlebende der Familie sei. Nach einigen wenigen Jahren der wirtschaftlichen Prosperität versinkt der Vater im Alkohol. Timm bricht mit ihm. In all der Zeit bleibt der Bruder nicht nur Vorbild, sondern auch Maßstab, dem zu genügen ihm nicht möglich ist.
Timm will nun mit Hilfe des Tagebuches nachzeichnen, in erster Linie aber selbst verstehen, wer sein Bruder war und warum dieser sich freiwillig zur SS anbot. Und um es vorweg zu nehmen, daran scheitert Timm. Doch selten ist jemand auf derart hohem Niveau gescheitert. Er legt ein großes Buch vor. Nur den Anspruch dazu hat er falsch formuliert. Das Buch schreibt ihn.
Timm erarbeitet sich nämlich rückblickend den Vater. Dass das nur über den Umweg des Bruders funktioniert, macht das Büchlein so einzigartig.
In kurzen Fragmenten, eingeschobenen Notizen aus dem Tagebuch ergründet Timm in erster Linie sich selbst. Der Alt-68er blickt auf seine Familie, die der Nationalsozialismus nicht mehr losgelassen hat. Er stellt die klassischen Schuld- und Verdrängungsfragen. Doch das ist Staffage. Doch es ist ein Gedankenbuch. Wer bin ich?
Dabei offenbart Timm einen grandiosen Gedankenfehler in seiner Welt. Zwischen den Collagen schält sich nämlich parallel zu Timms Diktum, die 68er seien zu einem nicht unbeträchtlichen Teil Produkt der Erfahrung, ihre Elterngeneration nach 1945 als gedemütigte, gebrochene Kriegsheimkehrer zu erfahren, sondern sie sind gleichsam geprägt von partieller Verweigerung der elterlichen Zuneigung. Der im nationalsozialistischen Kollektiv sozialisierte und nun auf sich selbst zurückgeworfene Vater, zudem noch durch den Verlust des Sohnes gezeichnet, entzieht dem zweiten Sohn die Zuneigung.
So dominieren in Timms Erinnerungen an den Vater, neben den ideologischen Disparitäten zwischen ihnen, die enttäuschten Annährungsversuche des Sohnes. Dies gesteht sich der Autor aber bis zuletzt nicht ein. Und der Bruder? Ihm kommt Timm nicht wirklich nahe. Die Distanz kann er nach den Jahren nicht mehr überbrücken. Selbst der Versuch, dessen Grab in der Ukraine zu finden, scheitert. Es gibt keins. Nicht einmal hier kann er Abschied nehmen. Es gelingt Timm selbst in der Dekonstruktion des Vaters nicht, ihm den Bruder zu entreißen. Er behält seine Statur für immer durch die überlieferte Erinnerung des Vaters.
In Timms Büchlein finden sich neben der dominanten Vaterfigur auch weitere Erzählstränge, die bereits aus anderen Arbeiten bekannt, oder als autonome Erzählungen erschienen sind. Hier werden sie auf ihren Ursprung zurück geführt und in Timms Biographie eingeordnet. Damit nimmt der Autor den Interpreten seines Werkes allerdings auch einen Großteil ihrer Arbeit und trägt mit der Bloßlegung wichtiger Schreibmotivationen zur Entzauberung seines Werkes bei. Schreiben, hat Christa Wolf einmal gesagt, sei dem Schmerz nachgehen. Uwe Timm hat sich auf einen schmerzvollen Weg zurück gemacht. Und weiß doch nicht recht zu nehmen.
