Die tierisch festliche schlechtere Hälfte der Natur
Roger Willemsen versucht sich an Saint-Saens Karneval der Tiere.
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Roger Willemsen - Karneval der Tiere | |
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| Verlag: | Eichborn | |
| VÖ: | September 2003 | |
Vorausgeschickt sei, dass es sich bei Roger Willemsens Karneval der Tiere
-Adaption um ein wirklich
lesenswertes Buch handelt. Sicher, man liest keine Stunde daran und hat alle 14 Stücke nebst Vor-, Nach- und
Widmungsworten verinnerlicht. Man lacht sicher das ein oder andere Mal. Auch öfter. Manchmal stolpert man und sucht nach
einer sinnvollen Betonung für das gerade gelesene. Manchmal bricht das von Willemsen gewählte, sicher in hohe Tradition
gestellte, sehr einfache Versmaß. Vermutlich wollte er, Willemsen, der Schreiber, auf bestimmte Pointen. Kommt er auch.
Passt. In der Regel flüssig, manchmal holprig. Am besten liest man sich den Karneval laut vor. So stolpert man zwar auch,
kommt aber in einen Heinz Erhardtschen Singsang und hat richtig Spaß, von lüsternen Plötzen und Löwen und Lurchen und und
und quasi selbst zu erzählen.
Dabei ist er beileibe nicht der erste Schreiber, der sich um das ursprünglich klassische Musikstück des französischen Komponisten Camille Saint-Saen kümmert. Loriot hat sich eingebracht, Peter Ustinov auch. Von beiden gibt es, ebenso von Willemsen, den Text als Hörbuch mit entsprechender Untermalung. Macht sicher mehr Sinn, sich dem Hörbuch und der entsprechenden Musik zu widmen, als nur zu lesen. Beides hat etwas für sich.
Tiere sind die besseren Menschen
sagt Willemsen und Unrecht hat er sicher nicht damit. Menschen sind nur
die schlechte Hälfte der Natur.
Menschen verstecken und schmücken sich mit fremden Federn. Echt und sie selbst sind
sie nicht.
Wenn also die Tiere aufmarschieren und der Leser allerlei mit Eigenschaften versehenes Getier vor die Nase gesetzt
bekommt, sieht er in einem kleinen Spiegel möglicherweise sich. Trotzdem aber Willemsen sich um Sprachwitz müht, wirkt
manches bemüht. Die Bremer Boygroup
Musikanten, sich auf Antilopen reimende Synkopen und allerlei, nennen wir es
neumodisches Gedöns oder einfach aktuelle Weltlage, wie Techno, Rave, Schönheitsoperationen, den Schuh des Känguru
- Dinge mit Zeitbezug also, sind zwar possierlich und kurzzeitig belustigend, werden aber in naher Zukunft keine
Springmaus mehr aus der Torte hüpfen lassen. Witzig? Ja. Bissig? Nein.
Roger Willemsen wird vom Verlag als Sprachakrobat
beschrieben. Ein solcher ist er nicht. Er reimt, was passt
- die Welt neu erfinden kann er nicht.
Erwähnenswert sind - denn durch diese lebt der Karneval der Tiere
erst wirklich - die wunderbaren
Illustrationen von Volker Kriegel. Jener starb kurz nach Vollendung der Arbeiten an diesem Buch. Er und Willemsen müssen
viel Spaß gehabt haben und Freunde gewesen sein. Kriegel veröffentlichte in den vergangenen Jahren einige schöne
Kinderbücher um den Elch Olaf. Der Zeichnungsstil hier ist derselbe. Im Gegensatz zu den Olaf-Büchern ist der Karneval
aber kein Kinderbuch. Zu zotig und anzüglich ist der Inhalt manchmal. Vielleicht ist das der Fehler. Das
Originalmusikstück von Saint-Saen läuft im Regelfall unter Klassik für Kinder
, ein Buch für Kinder wäre passender
gewesen. Zu vielfältig sind die Bearbeitungen, die es schon gibt. Willemsen kann schreiben, keine Frage. Die Mischung ist
nicht perfekt.
