Kondensstreifen über dem Horizont
Filme, Fehler und Freaks - über das cineastische Erbsenzählen im Internet
Sie sind die Tabellenführer vieler Ranglisten der Filmgeschichte. Sie sind mehrfach mit dem Oscar ausgezeichnet. Ihre Einspielergebnisse haben die Produktionskosten um ein Vielfaches übertroffen. Und beide belegen auch in einer ganz besonderen Liste die beiden führenden Plätze: Titanic und Gladiator gelten als die Filme mit den meisten Fehlern. Wenn im Bullauge plötzlich kurz eine Kamera samt Crew auftaucht oder Leonardo DiCaprio seiner Filmpartnerin Kate Winslet schon 1912 von Freuds Lustprinzip erzählt, das tatsächlich erst acht Jahre später veröffentlicht wurde, sind das Fehler, die den meisten Filmfans gar nicht auffallen. Auch der schon legendäre Kondensstreifen eines Düsenjets am Himmel über dem Kolosseum in Gladiator ist nur kurz in der Totale sichtbar. Und wer weiß schon, dass Marcus Aurelius, gespielt von Russell Crowe, 19 Jahre regierte und nicht 25, wie im Film behauptet?
Marius Schaefer beschäftigt sich seit Jahren mit Fehlern im Film. Der 28-jährige Student der Digitalen Animation diskutierte schon als Kind mit seiner älteren Schwester vor dem Fernseher Anschlussfehler oder historische Ungenauigkeiten. Heute sammelt er sie im Internet. Auf seiner Homepage www.fehler-im-film.de kann seit zwei Jahren jeder, der einen Fauxpas gefunden hat, im Forum sein Fundstück präsentieren. Zurzeit finden sich dort 678 Fehler aus 247 Filmen. Die Seite war die erste deutschsprachige ihrer Art, mittlerweile gibt es viele, die es Marius Schaefers Filmfehler-Suchmaschine nachgemacht haben. "Wenn ich einen Film zum ersten Mal sehe, suche ich nicht nach Fehlern", sagt Schaefer. Aber Fehler, die ihm ins Auge springen, nimmt er zum Anlass, den Film gleich noch einmal anzuschauen. Manchmal viermal. Unerbitt-lich. "Ich konzentriere mich auf alles, was um die Schauspieler herum passiert. Wenn jemand eine Tasse abstellt, merke ich mir, wie er sie abgestellt hat."
Schaefer hat auf diese Weise auch in den erst seit wenigen Wochen laufenden Hollywood-Produktionen Nicht auflegen! und Tomb Raider 2 teils haarsträubende Pannen ausgemacht. Wenn in einer vor mehreren tausend Jahren im Wasser versunkenen Stadt auch heute noch Luft zum Atmen vorhanden ist wie in Tomb Raider - Die Wiege des Lebens, erscheint das ebenso unsinnig wie der durch den abgesperrten Tatort marschierende Killer in Joel Schumachers Telefonzellen-Thriller.
Ist Schaefer deshalb nun ein Freak? Internet-Kurator einer kleinen Gemeinde von schadenfrohen Analytikern, die sich an ihren Erfolgserlebnissen berauschen? Schaefer sieht sich nicht als Freak und schon gar nicht als bloßer Chronist einer cineastischen Erbsenzählerei. "Jeder, der Fernsehen schaut oder ins Kino geht, wird automatisch mit diesem Thema konfrontiert."
Und seit das Internet die Rolle des Freundeskreises übernommen hat, der über Mikrofone im Bild oder anscheinend unerschöpfliche Pis-tolenmagazine diskutiert, wird die Suche nach Fehlern mit einer Systematik vorgenommen, die mittlerweile lexikalische Ausmaße angenommen hat. Selbst vor Legenden wird da nicht Halt gemacht. Die 21-monatige Schwangerschaft von Melanie aus Vom Winde verweht findet sich ebenso in den Foren der Filmpannen wie Rick, der in Casablanca ein Weinglas zu Boden wirft, aber ein Whiskeyglas wieder aufhebt. Auch der einst mit elf Oscars ausgezeichnete Historien-Schinken Ben Hur wurde schon von den Fehlersuchern zerpflückt. Wer jedoch heute nach der legendären Armbanduhr am Handgelenk des Hauptdarstellers Charlton Heston sucht, wird doppelt enttäuscht sein. Auf der vor einiger Zeit erschienenen bearbeiteten DVD des Klassikers von 1959 wurde der digitale Zeitmesser entfernt. Außerdem hatte er sich ohnehin am Arm eines Trompeters befunden.
Auch Fehlersucher können also irren. In einem scheint sich die Internetgemeinde jedoch festgelegt zu haben: Auf die Frage nach der wohl peinlichsten aller Filmpannen taucht immer wieder der Name Alfred Hitchcock auf. Als in dessen Unsichtbarem Dritten Cary Grant im Restaurant erschossen wird, hält sich ein Junge im Hintergrund die Ohren zu. Noch bevor der Schuss fällt.