Der Adjutant

von Klaus Esterluß

Wolfgang Brenner - Der Adjutant Wolfgang Brenner - Der Adjutant
Verlag:dtv premium
VÖ:Mai 2003

Zwischen Fakten und Fiktion - ein Roman über den 20.Juli 1944, erzählt aus der Perspektive des Adjutanten von Graf Stauffenberg, Werner von Haeften, schreibt der dtv Verlag auf dem Einband dieses Buches und der Leser tut gut daran, diese Information immer im Hinterkopf zu behalten. Am Besten liest man außerdem das Nachwort zuerst. Dort wird beschrieben, wie welche Personen wo real, oder eben nicht real sind, erfunden wurden und wo der Autor gelegentlich Fakten bei tatsächlich existierenden Figuren verändert hat.

Diese Vorinformationen sind wichtig, weil sonst ein falsches Bild der Charaktere dieses wirklich gelungenen Romans entstehen kann. Nicht zwangsläufig muss. Das geschichtliche Grundgerüst und damit die Entwicklung der Gegebenheiten stimmt natürlich. Die Verhältnisse zwischen Stauffenberg und Haeften, Olbricht, Beck und der geplanten Operation Walküre, der finalen Übernahme der Macht in einem Deutschland nach Hitler also, entsprechen der Realität.

Die militärische Situation Deutschlands im Sommer 44 war aussichtslos. Um das Land nicht gänzlich in den Abgrund rutschen zu lassen und um dem In- und Ausland zu zeigen, dass der deutsche Widerstand vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat (Generalmajor Henning von Tresckow, ein enger Mitstreiter Stauffenbergs), legte Stauffenberg - inzwischen Oberst - am 20.Juli 1944 im Führerhauptquartier Wolfsschanze bei einer Lagebesprechung mit Hitler eine Bombe. Das Scheitern und die damit verbundene Ermordung der Attentäter sind bekannt. Derzeit jährt sich das Ereignis zum 59. Mal.

Brenner konzentriert sich in seinem Text vor allem auf die Hinleitung auf das Attentat. Er zeigt, sofern Nachweise vorhanden sind, an realen Personen, Daten und Geschehnissen die Entwicklungen im Bendlerblock, das Attentat selbst und dessen Ausmaße auf. Als relativ frei erfunden, aber doch logisch, weil die Entwicklung vorantreibend, sind die rein privaten Abschnitte um Werner von Haeften zu sehen. Seine Liebschaften und Verlobung leiten das Ende der geplanten Operation ein und es entsteht ein tragischer Held von Haeften, dessen Schuld möglicherweise das Scheitern des Attentats ist.

Brenner versucht, und es gelingt ihm auffallend gut, aus Realität und Fiktion eine Geschichte zu entwickeln, deren Struktur immer logisch bleibt. Keine Nuance erscheint unpassend, alles hat seinen Sinn. Ein gutes Buch, das zum passenden Zeitpunkt veröffentlicht, sicher seine Leser finden wird, auch wenn nicht alle Fakten um die Ereignisse des 20.Juli 1944 Beachtung finden konnten und vor allem nicht alles beweisbar ist. Wer trocken und haarklein informiert werden möchte, muss wohl oder übel zum Geschichtsbuch greifen oder selbst Archive lesen. Der Historiker, so er sich überhaupt noch Romane zu Gemüte führt, wird die trockene Variante sicher vorziehen, auch wenn Wolfgang Brenner zweifellos selbst sehr intensiv geforscht hat.