Raw

Metallica erfinden ihren New Metal im Alten neu

von Klaus Esterluß

Metallica - St. Anger Metallica - St. Anger
Label:Vertigo
VÖ:05.06.2003

Es ist tatsächlich immer noch Bob Rock, der an den Reglern dieser Platte stand und sogar die Bassparts des Albums einspielte, denn das war fertig, bevor der Neue - Rob Trujillo - zur Band stieß. Der gleiche Bob Rock, dem Metallica das sogenannte Schwarze Album und Load nebst quasi Abfallprodukt ReLoad und den kommerziellen Erfolg verdanken. Allerdings hat Lars Ullrich, Drummer der wohl wirklich größten Metalband der Welt, ebenfalls seine Hände im Spiel belassen. Das Ergebnis dieser Arbeit haben Metallica live im Studio eingespielt und ein Unding entstehen lassen, das mehr als nur die Lager der Fans spaltet.

Eine unhörbare Platte soll St. Anger sein, ohne Melodien, ohne Gitarrensoli, ohne die markante balladeske Stimme Hetfields und ohne entsprechende Songs. Sagen die, denen Metallica erst mit dem unvorteilhaft selbstbetitelten und damit irrtümlich als Debütalbum zu verstehenden Schwarzen Album aufgefallen ist und die dieses plus Load und Reload für das Maß aller Dinge in Sachen Metal hielten. Jenen waren vielleicht auch schon diese Alben zu laut.

Die anderen feiern St. Anger als die Renaissance des Metal. Brutal, hart, roh und damit unvergleichlich.

Tatsächlich scheint dieses Album eine Notwendigkeit zu sein. Entweder so oder nie wieder. Noch eine seichte Platte und Metallica wären gänzlich in den schmalztriefenden Sumpf von Melody Metal gesunken, der sich zwar gut verkaufen dürfte, wohl aber unbefriedigend ist. James Hetfield, nach monatelanger Entziehungskur nun trocken und geläutert, hat Texte geschrieben die mit dem abrechnen, was war. Frantic zählt die Sekunden und fragt nach einem Neuanfang If i could have my wasted days back - would I use them to get back on track?, St Anger ist ein Befreiungsschlag And I want my anger to be healthy - beide Songs eröffnen das Album und zeigen klar die eingeschlagene Richtung. Es geht aggressiv und härter als Metallica jemals waren vorwärts.

Im Vorfeld der Veröffentlichung hieß es, St. Anger wäre irgendwo in den Regionen des Debüts (Kill'em All) angesiedelt. In einigen Momenten stimmt das auch. Was bei Kill'em All tatsächlich relativ unbehandelter Speedmetal war, mutiert auf der aktuellen Veröffentlichung zu einem noch minimalistischeren Ganzen. Wo damals Soli gespielt wurden, bleiben heute reine Riffs und ein schepperndes Schlagzeug, damals vorhandene Melodieläufe lösen sich in ungeahnten komponierten Krach auf, zu dem Hetfield nicht etwa nur singt, sondern schreit, ächzt, brüllt und sich durch die Songs kämpft, als ginge es ums nackte Überleben. Some kind of monster - The monster lives heißt der Refrain des gleichnamigen Songs.

St. Anger ist genau diese Art Monster und es ist lebendiger denn je. Lange war unklar, ob überhaupt noch eine Veröffentlichung zu erwarten sei. Gut ist vor allem, dass es sie gibt.

Selbstverständlich bleibt bei näherer Betrachtung der Eindruck eines Albums zurück, dass polarisieren muss. Die Band liebt es, sagt sie - es gibt keine Singles, was gut ist, aber es gibt ein Konzept: Mit neuem Bassisten, sehr dichtem Sound einen neuen Weg einzuschlagen. Die Platte mutiert dadurch zu einer Art Wiedergeburt. Es darf in Zukunft ähnlich hart bleiben, dennoch sind die so geliebten Soli notwendig, um es möglich zu machen, ein Metallica Album ganz und ohne Verschleißerscheinungen hören zu können. St. Anger bleibt ein Aggressionskatalysator, stark, schnell und unnahbar - aber großartig und innovativ.