Die Kinderbuchkönige

Astrid Lindgren-Preis an Nöstlinger und Sendak

von Maren Bekker

Die österreichische Schriftstellerin Christine Nöstlinger und der amerikanische Bilderbuchautor Maurice Sendak haben am 3. Juni den mit 540.000 Euro dotierten Astrid-Lindgren-Preis für ihr Gesamtwerk verliehen bekommen. Nöstlinger nahm den Preis persönlich von Kronprinzessin Victoria in Stockholm entgegen, ihr Kollege Sendak ließ sich wegen gesundheitlicher Probleme entschuldigen. Der Preis, der in diesem Jahr das erste Mal vergeben wurde, soll lesefördernde Aktivitäten im Geiste Astrid Lindgrens auszeichnen. In der Begründung der Jury hieß es, Nöstlinger sei eine wahre Nichterzieherin vom Kaliber Lindgrens, und Sendak der mutigste Erforscher der geheimsten Winkel der Kindheit.

Es ist erniedrigend für ein Kind, wenn man so schreibt wie für einen Idioten

Wer im Struwwelpeter seine Suppe nicht auf ißt, der muss verhungern. Wer am Daumen lutscht, kriegt diesen abgeschnitten. Das war traditionelle Kinderliteratur der Nachkriegszeit. Später kamen dann die lebenslustigen Kinder der Marke Enid Blyton, die mit Einfallsreichtum Belangloses meisterten. Strenge Moralität oder lebensfremde Seifenblasenwelt - das waren bis in die 60er Jahre die Kategorien, nach denen Literatur für Kinder zu funktionieren hatte.

Bis die wilden Kerle von Maurice Sendak kamen. Das Bilderbuch über einen kleinen frechen Jungen, der Ich fress Dich auf zu seiner Mutter sagt und im Traum auf die wilden Kerle trifft, sorgte für Empörung bei Eltern und Erziehern und revolutionierte die Bilderbuchkultur wie kein anderes Werk. Es ist erniedrigend für ein Kind, wenn man so schreibt wie für einen Idioten, hat Sendak einmal gesagt und so versuchte er in allen seinen Werken, die geheimen Fantasiewelten und Kinderängste in Worte und Bilder zu bringen ohne dabei anbiedernd oder albern zu werden.

Eine Strecke von Demütigungen

Für mich ist es immer wie ein Wunder, wie Kinder es schaffen zu überleben, so Sendak, erstens sind da die Eltern und zweitens müssen sie jeden Tag irgendwie 24 Stunden herumbringen. Er sieht die Kindheit ohne jede Sentimentalität, darum mag er zum Beispiel die Filme von Spielberg nicht und auch nicht die niedlichen späten Disney-Produktionen. Die frühe wilde Mickey Mouse aber, die im gleichen Jahr wie er auf die Welt kam, liebte und verehrte er.

Seine besonderen Fähigkeiten hat er einmal so beschrieben: Ich schreibe oder male nicht besser als andere Menschen, da mache ich mir keine Illusionen. Ich erinnere mich einfach nur besser an meine Kindheit. Obwohl er das nicht unbedingt gerne tut: Eine Strecke von Demütigungen sei seine Kindheit gewesen, in Watte gepackt von einer überbeschützenden Mutter. In fast allen Werken Sendaks, der 1928 als Sohn jüdisch-polnischer Immigranten geboren wurde, gibt es einen Mond, der über die Kinder wacht - ein Symbol für die kontrollierende Mutter, so die literaturwissenschaftliche Deutung. Immer, wenn er als Kind draußen spielte, sah er oben am Fenster ihren Kopf, immer in Sorge, dass ihm etwas passieren könnte.

Ich bin so froh, dass ich erwachsen bin

Als junger Mann verdiente er tagsüber sein Geld mit der Schaufensterdekoration eines großen amerikanischen Spielzeugladens, um Abendkurse im Zeichnen belegen zu können. 1951 illustrierte er sein erstes großes Werk, der große Durchbruch aber gelang ihm erst 1963 mit seinen wilden Kerlen, für dass er auch mit dem Hans-Christian-Andersen Preis ausgezeichnet wurde. Sendaks Zeichenstil wirkt auf den ersten Blick traditionell, geprägt nicht zuletzt auch von den deutschen Romantikern um Caspar David Friedrich. Doch in das altmodische Ambiente schmuggelt er seine manchmal bitteren geschriebenen Botschaften ein. Er hat Kinderbücher aller Art illustriert und geschrieben, 1973 auch eine Auswahl von Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm. 1993 erschien sein wohl kritischstes, bisher nicht ins Deutsche übersetzte Buch We are all in the Dumps with Jack and Guy, indem ein schwarzes Findelkind aus den Slums von zwei Straßenkindern aufgenommen wird. Sendak nannte es ein wütendes Buch: Es gibt kein Paradies der Kindheit. Ich bin so froh, dass ich erwachsen bin.

Dieses Gefühl kennt Christine Nöstlinger wohl auch gut. Auch sie weiß, wovon sie schreibt. Die Helden der 66-jährige Autorin, die mit ihrem Mann in Wien lebt, sind vor allem Außenseiter und Kinder, mit denen niemand gerne tauschen will. Wilde, wütende Kinder - so wie sie sich in ihrem autobiographischen Text Geplant habe ich nichts beschreibt. Ihre Mutter habe sie immer bemäkelt, weil ich mich stets zu den Schlimmen und zu den Verlausten hingezogen fühlte, dauernd wollte die ihr brave Freunde vermitteln, aber die mochte ich nicht. In ihrem biographischen Roman Maikäfer flieg! erinnert sie sich an die Ausbombung der Wohnung ihrer Eltern - und an das glückliche Ende der verhassten Klavierstunden: als ich zwischen dem Schutt den Deckel unseres Klavieres liegen sah, war ich richtig glücklich.

Die Tochter eines Uhrmachers, die 1936 in Wien geboren wurde, wollte eigentlich Malerin werden und studierte zunächst an der Akademie für Angewandte Kunst. Doch bald musste sie sich eingestehen, dass nie eine richtige große Malerin aus ihr werden würde, weil mein Talent nur mittelmäßig war. Sie heiratete den Journalisten Ernst Nöstlinger, bekam zwei Kinder, kümmerte sich um den Haushalt und - langweilte sich. So sehr, dass sie 1970 vor lauter Langeweile anfing ein Kinderbuch zu malen. Als die Bilder fertig waren, dachte sie sich noch einen Text dazu aus - und schuf damit einen neuen Ton in der Jugendliteratur, wie ihr damaliger Verleger Klaus Doderer sich erinnert. Punkt-Punkt-Komma-Strich-Gesichter und wurschtelige Rotzeichnungen, hätten ihn zunächst verschreckt, doch dann las er sich fest: endlich etwas anderes als süßlich geratene Paradies-Utopie!

Dann mal ich halt nicht! Dann schreib ich halt!

Auch die Kinder mochten dieses Buch jenseits der übliche Heiapopeia-Literatur und sie mögen es bis heute: Die feuerrote Friederike erscheint mittlerweile in der 36. Auflage, rund 400.000 Bücher sind bis heute verkauft worden. Nöstlinger wunderte sich damals sehr über den unerhofften Erfolg und beschloss dann ganz pragmatisch: Dann mal ich halt nicht! Dann schreib ich halt! So folgtem ihrem Erstling bis heute weit über 100 weitere Titel für Kinder und Erwachsene. Mit ihrer antiautoritären Grundhaltung und dem unbedingten Engagement für kindliche Freiheit schrieb sie gegen den belehrenden Tonfall traditioneller Kinderliteratur an und ging so den Weg weiter, den Maurice Sebnak bereits geebnet hatte.

Tiefste Heiterkeit bescheinigen Kritiker der Autorin und loben ihre Meisterschaft in der großen Kunst für kleine Leute zu schreiben. Auch die schwedische Jury lobte Nöstlinger in ihrer Begründung für die Preisvergabe als geprägt von respektlosem Humor und stiller Wärme. Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben führt Nöstlinger junge Leser in problematische Themen ein. In einfacher, manchmal mit Dialekt-Ausdrücken oder Neuschöpfungen durchsetzter Sprache schildert sie genau und einfühlsam Milieus und stellt sich vorbehaltslos auf die Seite der Kinder, wie das schwedische Preiskomitee anmerkt. In letzter Zeit ist es ruhiger um sie geworden. Vor drei Jahren hat man bei ihr Brustkrebs diagnostiziert, seitdem arbeitet sie weniger und genießt das Leben mehr. Aufhören mit dem Schreiben will sie auf keinen Fall. Bald wird es ein neues Buch von ihr geben. Egal worum es gehen wird, ob um Probleme mit den Eltern, mit der Figur oder um Liebeskummer, am Ende wird das Problem mit viel Leichtigkeit gelöst werden.