Revivalism
Vom neuen Verständnis alter Helden
Die 80er. Sind noch nicht besonders lange her, gerade zwanzig Jahre, wenn man es genau nimmt. Und trotzdem schreit es nach einem Revival - man kann nicht anders. Die 60er haben das schon durch, auch die 70er. Geadelt durch zweifelhaft glaubwürdige und mitunter mehr als peinliche Showserien im Privatfernsehen. Eine Renaissance der Klamotten in Form von Mamas Plateauschuhen und Papas Schlaghosen war auch nicht zu vermeiden.

Vordergründig ist allerdings: die Musik. The Music zum Beispiel lassen Pink Floyd wieder aufleben, die Strokes versuchen
sich an The Velvet Underground und den Stooges, ähnliches veranstalten The Libertines und viele andere auch. Die Generation
der The-Bands
entsteht und ist das Year 2k-Plus Pendant zu den Nullbock und NoFuture Attitüden von damals.
Es funktioniert sogar. Selten war neue Musik so spannend wie in den letzten 2 Jahren, selten wurde soviel so gut zitiert. Endlich gibt es wieder Alben, die keine 80 Minuten CDs benötigen, sondern ungeschnitten auch auf eine Vinylscheibe passen würden, ja sogar dort noch Platz ließen. Denn diese Musik gehört auf Vinyl.
Konzerte dauern keine ermüdenden Stunden mehr, sondern weniger als eine - genug Zeit, um sich die Birne zulaufen zu lassen und erst recht genug Zeit, um trotzdem durchgeschwitzt und glücklich zu sein. Mehr braucht es nicht, oder?
Gut ist die Musik, war sie in den neuerdings so geliebten 60er, 70er und 80er Jahren schon und wird es wohl auch bleiben. Geht aber auch anders.
Unlängst bekam eine gewisse Nena, Neue Deutsche Welle - Star in den 80er Jahren und bis dato einzige Künstlerin mit einem
deutschsprachigen Hit in den amerikanischen Charts, den Echo als beste Künstlerin Rock/Pop national
. Und das für ein
Album, das kaum mehr Retro sein kann. Keine neue Scheibe, sondern viel mehr eine mit alten Songs im neuen Gewand.
Nena feat. Nena
heißt es dann etwas selbstverliebt und führt in gerader Linie das fort, was Modern Talking
(Ja, auch die gab es in den 80er schon mal.) bereits vor einigen Jahren fröhlich in die Bahn geleitet haben: Altes zu neuem
verwursten und Erfolg damit haben. Inwieweit das jeglichen kreativen Sinn vermissen lässt, sei dahin gestellt.
Kaum anders verhält es sich mit dem Neuinterpretieren lange bekannter und inzwischen manchmal zu Recht vergessener Musik.
Es reicht nicht, das Nena sich selbst, und das unter der Mithilfe einer Zeitgenossin (Kim Wilde), covert
(Anyplace, Anywhere, Anytime
), unlängst wurde auch Modern Talking modernisiert. Kein Stück dessen Name einer
Erwähnung bedarf - bedenklich ist es trotzdem.
In den aktuellen Singlecharts finden sich in diesem Sinne auch eine Coverversion von Jefferson Starships
Nothing's Gonna Stop Us Now
, zur Aufführung gebracht von zwei schlecht animierten Figuren namens Randy und Mandy
oder Andy und Sandy. Ist doch egal. Und der nackt blödelnde Daniel K. Küblböck is - weithin sichtbar - driven crazy.
Im Original übrigens von Shakin' Stevens oder von Dieter Bohlen? Jedenfalls hat der es, wie eine - als Tageszeitungsbeilage
genutzte - Fernsehillustrierte formulierte, Daniel auf den Leib geschrieben
. Soweit kommt's noch. Auch Dieter hat
seine Grenzen, selbst wenn alles, was er betatscht ausnahmslos zu Platin und mindestens Gold werden muss.
Gänzlich ohne Aufarbeitungen der Musikvergangenheit wird man kaum leben können. Und das ist auch gut so. In den meisten,
leider unbekannteren Fällen, kommen dabei Perlen zu Tage, nach denen die Charthitproduzenten dieser Welt lange tauchen müssten.
Als kleine Eisbergspitze seien folgende genannt und der Hinweis gegeben, dass es nur wenige, sehr wenige, verschwindend wenige
Beispiele sind, die es zu entdecken lohnt: Cake (I will Survive
), Marilyn Manson (Sweet Dreams
),
Les Reimes Prochaine (Wicked Game
), Alabama 3 (Hotel California
), R.E.M. (First we take Manhatten
),
Pixies (I can't forget
), The Secret Goldfish (Come As You Are
), Nick Cave (In The Ghetto
)... Augen auf.
Es ist so einfach.
Man darf viel. Sogar den 80er Jahren entlehnen. Und allen Dekaden davor und danach. Nur bitte mit Hintergedanken. Und solange die Klamotten und Schminkgewohnheiten zwanzig Jahre zurück auch weiterhin im Schrank bleiben, ist alles erträglich.